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Verweile im Wirken – ohne zu handeln
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Kirche in WDR 5 | 21.04.2026 | 06:55 Uhr

Verweile im Wirken – ohne zu handeln

Wenn ich etwas ganz Bestimmtes will, nehme ich vieles nicht mehr wahr. Mein Blick auf die Realität wird zum Tunnelblick. Ich bin dann blind für den unfassbaren Reichtum der Realität. Menschen, die stark vom Wollen bestimmt sind, wirken auf mich unfrei, angespannt und untergründig aggressiv.

Da sage ich mir: „Abstand ist auch eine Verbindung!“ – und trete einen Schritt zurück. Ich nehme meinen leibhaftigen Standort wahr und tue erst mal nichts anderes als – nichts tun!
Ich sammle, kläre und festige mich. „Ich verweile im Wirken ohne zu handeln“, würde ein asiatischer Freund sagen. Das ist eine andere Weise, um widerständig zu sein. Widerstand braucht Selbststand. Und der reicht tiefer als der Wille. Wille ist Kopfstand. Zum Selbststand komme ich vom Kopf wieder auf meine Füße und gründe mich im Lebensgrund – meinem und aller Menschen und aller Dinge Lebensgrund. So komme ich aus der Ego-Enge wieder in die Lebensweite. Und die ist voller Vielfalt, unverfügbar, unbeherrschbar. Der Philosoph Walter Benjamin bringt dies in einer kleinen Erzählung zum Ausdruck.[1] „Vergiss das Beste nicht“ heißt sie. Der Protagonist ist ein äußerst aktiver Mensch.
In seinem Alltag gibt es keine Zeit zum Verweilen. Von morgens bis abends: Alles durchgetimt!

Aber dann steigt er aus. Die Welt um ihn herum hat sich nicht verändert. Doch jetzt nimmt er sie total verändert wahr. Da besuchen ihn Freunde, wenn er am wenigsten an sie denkt und wenn er sie doch am nötigsten hat. Andererseits kommen seine Geschenke, die eigentlich unbedeutend sind, so zur rechten Zeit, als wüsste seine Intuition mehr als er selbst. Ihm fällt die Sage vom Hirtenjungen ein, der Einlass in einen Berg mit reichen Schätzen erhält – mit dem rätselhaften, aber deutlichen Hinweis: „Vergiss das Beste nicht!“

Und das Beste, meint der Philosoph, ist das Nicht-Tun. Das Verweilen im Wirken ohne zu handeln. Biblisch klingt das so:

„Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?

Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht …

Lernt von den Lilien des Feldes, wie sie wachsen:

Sie arbeiten nicht …

Doch selbst Salomo in all seiner Pracht war nicht gekleidet wie eine von ihnen.“[2]

Was für eine Provokation! Die Menschen, denen Jesus das damals gesagt hat, mussten sich – viel mehr als ich heute – täglich um Nahrung und Kleidung sorgen. Als einer von ihnen konnte Jesus sie geradeheraus provozieren: „Ja, ihr müsst für euch und eure Familien ums Überleben kämpfen! Aber lasst euch nicht von eurer Sorge total beherrschen! Vergesst nicht eure Würde, euren ungeheuren Wert in den Augen Gottes!

Haltet innerlich Abstand von der Sorgen-Diktatur – nur dann könnt ihr aufrecht mit euren Sorgen umgehen! Haltet euer Leben heilig – besonders dann, wenn euch die Sorgen über den Kopf wachsen! Diese Würde und diese innere Freiheit wünsche ich Ihnen – nicht nur für heute!

Georg Lauscher aus Aachen

[1] Zum Folgenden: Byung-Chul Han, Vita contemplativa. Oder von der Untätigkeit, Berlin 22023. 23f. [2] Evangelium nach Matthäus 6,25-29.


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