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Kirche in WDR 5 | 07.05.2026 | 06:55 Uhr
Kuckuck und Esel
Guten Morgen, an diesem Donnerstag zur „schönen Maienzeit“. Erst neulich bin ich wieder über diesen Begriff gestolpert. Und vielleicht haben auch Sie gleich an das Volks- und Kinderlied vom Kuckuck und Esel gedacht. Beim Treff der Senioren in meiner Kirchengemeinde ist es derzeit ebenso ein Hit wie bei meinen kleinen Enkelkindern. Bei dem Lied geht es ja um den epischen Wettstreit zwischen einem Kuckuck und einem Esel: „Wer wohl am besten sänge zur schönen Maienzeit“. Und klar: beide sind davon überzeugt, dass sie die Tollsten sind, wenn’s ums Singen geht. Und ich denke da gleich an all die tollen Gockel im Welttheater, die derzeit um Aufmerksamkeit krähen - und die sich oft wie Esel benehmen - und das nicht nur zur Maienzeit. Aber das Lied endet ja nicht mit einer Siegerehrung, sondern nimmt eine überraschend ironische Wende. Siehe da: „Das klang so schön und lieblich, so schön von fern und nah. Sie sangen alle beide: Kuckuck, kuckuck I-A!“ Ach, das Lied lässt sich einfach gut zusammen trällern. Und wenn ich in die Augen der singenden Kinder und Senioren schaue, spüre ich: Den Kern der gesungenen Fabel haben sie sofort verinnerlicht.
Aus dem Streit entsteht eine gemeinsame Melodie, am Ende singen sie zusammen. Die beiden unterschiedlichen Stimmen verwandeln ihren Wettstreit in etwas Schönes, sie hören und achten einander und kooperieren. Aus Unterschieden wird ein Zusammenklang. Ich finde, dieser Gedanke ist ein guter Impuls für das alltägliche Miteinander. Wir brauchen Vielfalt. Hochsinnige Ideen können mit bodenständiger Ruhe harmonieren. Lautstärke allein macht keine Musik; es braucht das Zusammenspiel, das Vertrauen und den Willen, den anderen zu hören – und die andere natürlich auch. Wenn wir lernen zuzuhören, entstehen Verbindungen, die stärker sind als der eigene Ton.
Idee und Text des Liedes stammen übrigens von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, einem Dichter, der weit mehr als einfache Kinderlieder schrieb. Er hat auch den Text für unsere Nationalhymne geschrieben. Einigkeit und Recht und Freiheit – das sind wohl Herzensanliegen dieses Mannes, der christlich geprägt war. Seine akademische Laufbahn begann übrigens mit dem Studium der Theologie. Christentum ist keine Sache für Einzelkämpfer. Christus zeigt sich nicht den stolzen Gockeln oder den störrischen Eseln. Er ist mitten unter denen, die es schaffen, ihre Lebensmelodie mit anderen in Einklang zu bringen. Er sagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen!“ Christlich sein heißt: Zusammenarbeit macht stärker als Einzelkämpfe.
Lassen Sie uns heute wie der Kuckuck und der Esel miteinander umgehen. Wir streiten vielleicht über den richtigen Ton, doch wenn wir uns aufeinander einlassen, entsteht eine Melodie, die allen gefällt. Lassen Sie uns verschiedene Gaben zum Wohl aller einsetzen, einander respektieren und gemeinsam für Harmonie sorgen. So wird unser Alltag zu einer kleinen Maienzeit-Melodie – hell und tief, fröhlich und ruhig zugleich.
Gutes Gelingen wünscht dazu Annkathrin Tadday aus Detmold.
