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Kirche in WDR 3 | 28.04.2026 | 07:50 Uhr
Über die Grenze
Guten Morgen.
Als ich nach der Schule die Welt entdecken wollte, das heißt zunächst einmal Europa, gab es überall noch Grenzstationen, Grenzkontrollen und Schlagbäume. Es gab zig verschiedene Währungen, in die man sein Geld umtauschen musste und noch mehr unterschiedliche Sprachen.
Die Sprachen sind geblieben. Sie machen für mich einen großen Reiz von Europa aus. Der Rest ist, Gott sei Dank, Geschichte. Denn niemand braucht wirklich so viele verschiedene Währungen oder Grenzstationen - zum Beispiel in dem kleinen Grenzgebiet zwischen Deutschland, den drei Benelux Staaten und Frankreich.
Wir profitieren sehr von den offenen Grenzen innerhalb Europas. Und doch machen offene Grenzen manchen Angst. Und das gilt ja nicht nur für die Grenzen zwischen Staaten. Grenzen versprechen mehr Sicherheit. Ob sie dieses Versprechen auch einlösen können, sei dahingestellt.
Auch im Miteinander erlebe ich dieses Bedürfnis nach Grenzen: Im Guten, wenn man seine eigenen Grenzen kennt. Und im Schlechten: wenn man Menschen ausgegrenzt, einfach nur weil sie anders sind oder anders aussehen, weil sie eine andere Herkunft haben oder einen anderen Glauben.
Gerade beim Thema Religion sind die Grenzen oft besonders hart. Oft geht es dabei um Gebote und Verbote. Darum, was man darf und was man nicht darf.
Und überall gibt es Grenzwächter, die darüber wachen, dass niemand unerlaubt Grenzen überschreitet. Dabei definiert sich Glauben nicht durch Grenzen, im Gegenteil.
Wenn ich in die Bibel schaue, also in das Buch, aus dem viele ihre Grenzen ableiten, finde ich immer wieder kleine oder große „Grenzverletzungen“. Ja, ich habe den „leisen Verdacht“, dass Jesus seine Freude daran hatte, Grenzen zu überschreiten.
Die Grenze zwischen Juden und römischen Besatzungssoldaten. Egal. Jesus geht auch auf einen römischen Hauptmann zu.
Die Grenze zwischen dem frommen Judäa und dem verrufenen Samaria. Egal. Jesus geht im wörtlichen Sinn darüber hinweg und stellt einen Samariter als Vorbild für Nächstenliebe vor.
Da war die Grenze zwischen einem „anständigen Bürger“, und einer Frau, die nur als „Sünderin“ vorgestellt wird. Egal! Jesus nimmt nicht an ihr Anstoß, sondern an den selbsternannten Grenzwächtern.
Gottes Liebe macht an keinen Grenzen halt. Ebenso wenig darf christliche Liebe an unsern engen Grenzen Halt machen. Wie wäre es einmal, über den eigenen Schatten zu springen. Eine Grenze zu überschreiten, um Liebe auf die andere Seite zu tragen?
Ich erinnere mich noch, als ich mit ein paar Freunden im alten Europa an eine Grenzstation zwischen Deutschland und Luxemburg gekommen bin. Wir sind zu spät dran und die Grenzbeamten haben längst schon Feierabend. Da stellt einer von uns erstaunt fest: Der Schlagbaum lässt sich öffnen, für den kleinen Grenzverkehr der Anwohner.
Mit viel Herzklopfen hebt ein Freund ihn hoch, und wir fahren hindurch zu unseren Freunden auf der anderen Seite.
Damit möchte ich jetzt nicht zu illegalen Grenzübertretungen ermutigen. Aber dazu, den Schlagbaum der eigenen Begrenzungen zu öffnen – für Freunde und Fremde auf der anderen Seite. Und um Liebe auf die andere Seite zu tragen.
Ich wünsche Ihnen viel Freude dabei und Mut.
(Ende WDR 4, Verabschiedung WDR 3 und 5: )
Ihr (Pastor) Heinz-Bernd Meurer aus Velbert.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
