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Das Geistliche Wort | 04.06.2026 | 08:40 Uhr
Ich sehe was, was du nicht siehst
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, mein Name ist Dietmar Röttger. Ich bin katholischer Priester und leite eine große seelsorgliche Einheit in Soest. Hier wird – wie in vielen andern Städten – heute das Fronleichnamsfest gefeiert, das Fest vom Leib und Blut Christi. Und davon will ich ihnen erzählen und fange mit einer Erfahrung aus meinen Kindertagen an, einem Kinderspiel. Das hat vordergründig vielleicht nichts mit dem Fest zu tun, aber schauen wir mal – denn ums Schauen geht es bei dem Kinderspiel wie beim Fronleichnamsfest.
Musik 1: Chick Corea, Children’s Song No.1
In meinen Kindertagen haben wir gerne auf langen Autofahrten mit der Familie gespielt: „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Und das ging so: Einer sucht sich einen Gegenstand in einer bestimmten Farbe, den die anderen erraten müssen. „Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist – grün.“ Das war dann in der Regel nicht die Wiese am Straßenrand, sondern eher der kleine Aufkleber auf dem Rucksack, den unsere Mutter auf dem Schoß hatte. Die gesuchten Gegenstände waren möglichst klein und unauffällig, ja unscheinbar, damit die Lösung nicht so leicht war. Wir Kinder hatten damals viel Spaß dabei und die Autofahrt war gefühlt schnell vorbei. Eigentlich war dieser spielerische Zeitvertreib eine gute Schulung, um besser wahrzunehmen nach dem Motto: Schau genauer hin und entdecke auch das, was nicht offensichtlich ist. Was springt dir ins Auge und was übersiehst du zu schnell? Und weitergefragt: Was ist vordergründig und was ist hintergründig? Und genau diese Fragestellung lässt sich auch auf das heutige Fest anwenden: Fronleichnam, ein Fest, bei dem es auch ums Sehen geht. Auf den ersten Blick gibt es da ja auch viel zu sehen: eine farbenfrohe Prozession, mit Baldachin und goldener Monstranz, Stationen mit bunten Blumenteppichen und Altären. Und nicht zu vergessen: die vielen Menschen die nicht nur bei der Prozession mitgehen, sondern auch an den Stationen warten. Zugegeben: Das Umfeld des Fronleichnamsfestes ist sicherlich viel säkularer geworden und oft sind die Prozessionen geschrumpft. Aber das ganze Erscheinungsbild von Fronleichnam ist immer noch bunt, fröhlich und eindrucksvoll. Die Freude am liturgischen Spiel kann sich entfalten mit Fahnen, Blasmusik, Weihrauch und liturgischen Gewändern, mit Schellen und Baldachin tragenden Frauen und Männern. Im wahrsten Sinne des Wortes ein Panoptikum katholischen Brauchtums, das sich wunderbar sehen lassen kann.
Und wie bei dem Kinderspiel: „Ich sehe was, was du nicht siehst!“ kann in all dem üppig festlichen Rahmen schnell das Wesentliche übersehen werden. Denn: Es ist auch wieder klein, unauffällig und unscheinbar. Trotz Baldachin und goldener Monstranz muss man zweimal hinschauen, um es zu entdecken: das kleine Stückchen Brot, die weiße Oblate, die Hostie heißt. Und selbst wenn man sie entdeckt, gilt noch ein zweites Mal: Ich sehe was, was du nicht siehst! Denn hinter dem kleinen Stückchen Brot verbirgt sich eigentlich noch mehr. Sehe ich nur eine weiße Oblate oder sehe ich den Leib des Herrn, also Christus?
Musik 2: Traditional, Gottheit tief verborgen (Arr.: Stefan Graser)
Was also sehe ich: Die weiße Oblate oder den Leib Christi? Und damit verbunden ist die Frage: Wie sehe ich? Mit körperlichen Augen oder mit gläubigen Augen? In dem alten lateinischen Hymnus „Adoro te devote“, „Ich bete dich andächtig an“ aus dem 13. Jahrhundert – besser bekannt unter dem Titel „Gottheit tief verborgen“ – meditiert der heilige Thomas von Aquin über den Leib Christi und spielt mit diesem zweifachen Sehen. Er sagt: „Augen, Mund und Hände täuschen sich in dir, doch des Wortes Botschaft offenbart dich mir.“[1] Will heißen: Das Sichtbare und auch das Greifbare ist nicht alles an diesem Stückchen Brot. Es geht um mehr. Es braucht, um tiefer zu sehen, das Wort Jesu, das er beim letzten Abendmahl gesprochen hat: Dies ist mein Leib für euch! Und dann hat er das Brot ausgeteilt und sich damit den anderen hingegeben. Und mit diesem Wort und diesem Zeichen der Hingabe verweist Jesus auf seinen leiblichen Tod am Kreuz, wo er sein Leben hingegeben hat für die Menschen. Aber diese Verbindung sieht nur der, der daran glaubt. Für Thomas ist das klar. Aber er weiß auch, wie schwer das ist, dies zu glauben. Und so schlüpft er in die Rolle jenes Räubers, der mit Jesus gekreuzigt wurde und auch Schächer genannt wird, und bekennt: „Beides sieht mein Glaube in dem Brote hier, wie der Schächer ruf ich, Herr um Gnad zu dir.“ Zum gläubigen Blick bedarf es offenbar der Gnade, der Hilfe Gottes. Und wer dann mit den Augen des Glaubens sieht, der erkennt mehr als ein Stückchen Brot: Er sieht Jesus, der sich dem Menschen schenkt. Für mich eröffnet sich hier eine tiefe Beziehung zwischen Mensch und Christus. Und wieder ist es der Thomas von Aquin, der diese Beziehung wunderbar beschreibt, die sich eigentlich nach einer immer tieferen gefühlsvolleren Begegnung sehnt: „Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht, stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht: Lass die Schleier fallen einst in deinem Licht, dass ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.“[2]
Was für ein Ausblick, was für eine Perspektive?! Äußeres und inneres Sehen werden einmal zusammenfallen, und zwar dann, wenn der Mensch die Liebe Gottes direkt schaut. So Thomas von Aquin. Und ich kann nur sagen: Genau das wünsche ich mir und allen Menschen auch.
Musik 3: Anonymus, Adoro te devote (The Hilliard Ensemble)
Thomas von Aquin und sein Hymnus über den verborgenen Gott. Das ist alles lange her. Aber ich muss staunen, wenn ich dann folgende Zeilen höre: „Ich sehe was, was du nicht siehst, da ist viel mehr, was in dir ist. Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist so, so stark.“ Diese Zeilen stammen von dem deutsch-türkischen Rapper Kool Savas in seinem Song „Was du nicht siehst“ aus dem Jahr 2023. Und die Sängerin Ela wiederholt diesen Kehrvers zwischen den Rapper-Texten immer wieder, wie man hier hören kann:
Musik 4: Imran Abbas u.a., Was du nicht siehst (Kool Savas x ela)
Ich
sehe was, was du nicht siehst, da ist viel mehr, was in dir ist. Ich
sehe was, was du nicht siehst und das ist so, so stark.
Ich
sehe was, was du nicht siehst, da ist viel mehr, was in dir ist. Ich
sehe was, was du nicht siehst, mach weiter, glaub daran.
Auch hier geht es darum weiter zu sehen, tiefer zu sehen, mit gläubigen Augen zu sehen. Zu dem Song von Kool Savas gibt es ein Video. Und darin sieht man Kinder in den düsteren Hinterhöfen einer Großstadt, die sich allerdings ausprobieren, indem sie singen und tanzen. Ich verstehe das so: Obwohl äußerlich das soziale Problemfeld wenig Perspektive zum Leben gibt, sind die Kinder innerlich voller Hoffnung und glauben an den schlummernden Star in sich. Und deshalb der Aufruf in dem Lied: „Ich sehe was, was du nicht siehst, mach weiter, glaub daran.“
Ist das nicht genau die Botschaft von Thomas von Aquin im Blick auf das Brot, den Leib Christi? „Augen, Mund und Hände täuschen sich in dir, doch des Wortes Botschaft offenbart dich mir.“ Also: „Glaub daran, mach weiter!“ Denn nicht nur der äußere Blick auf das Brot kann täuschen, sondern auch der äußere Blick auf den Menschen, ja sogar auf mich selbst. Denn: Was sehe ich im anderen? Was sehen andere in mir? Was sehe ich in mir? Was würde ein innerer Blick mit gläubigen Augen sehen? Und was würde sich dann verändern?
Interessant ist doch: Viele – gerade junge Menschen – inszenieren sich und wollen gesehen werden – zum Beispiel in den sozialen Medien. Doch zeigen die Bilder, wer die Menschen sind oder eher wer sie sein möchten? Steckt hinter diesen Posts nicht vielmehr eine Sehnsucht, wirklich erkannt zu werden? Ja mehr noch: Steckt dahinter nicht die Sehnsucht, nicht nur äußerlich gesehen zu werden, sondern innerlich, will heißen, geliebt zu werden? Dazu braucht es mehr als einen Social-Media-Account, bei dem ich posten kann. Dazu braucht es echte Beziehung zu Menschen, die einen mit besonderen Augen betrachten, mit einem liebenden Blick. Denn die Liebe sieht tiefer als alles andere. Wer einen Menschen liebt, der sieht etwas, was andere nicht sehen. Die Liebe sieht nicht nur das äußere Bild, nicht nur Leistung und Erfolg. Die Liebe sieht das, was an Wunderbarem manchmal verborgen im Menschen steckt. Und ich würde sogar sagen: Die Liebe sieht den Menschen so, wie Gott ihn sieht.
Musik 5: Cesar Franck, Panis angelicus
Ich komme noch einmal zurück zu Thomas von Aquin und seinen Hymnus: „Gottheit tief verborgen, betend nah ich dir.“ Thomas hat diese Worte gedichtet, weil er tiefer gesehen hat. Ich würde mir gerne diesen Blick zu eigen machen. Denn wer mit diesem gläubigen Blick auf die Menschen schaut, der wird auch hier die Gottheit tief verborgen erkennen. Ist doch nach jüdisch-christlichem Verständnis der Mensch als Abbild Gottes geschaffen: ein aus Liebe ins Leben gerufenes Geschöpf, ein Kind Gottes mit einem göttlichen Kern. Und dieser tiefere Blick hätte dann auch Auswirkungen auf die Art und Weise, wie ich den anderen Menschen und auch mir selbst begegne: mit Achtung, mit Anerkennung, mit Liebe.
Und so komme ich wieder zurück zum heutigen Fronleichnamsfest: Die Verehrung Jesu Christi im Brot und die Liebe zum Menschen hängen tief zusammen, weil sie nicht beim vordergründigen Sehen stehen bleiben, sondern tiefer, eben gläubiger sehen und erkennen. Man könnte sagen, es geht darum mit den liebenden Augen Gottes zu sehen. Und genau diesen Zusammenhang hat die bekannte französische Sozialarbeiterin und Mystikerin aus dem vergangenen Jahrhundert erkannt, Madeleine Delbrêl: Sehen, wie Gott sieht, mit einem liebenden Blick. Diesen besonderen Blick der gläubigen Augen formuliert sie in ihrem Gedicht „Liturgie der Außenseiter“. Und darin heißt es:
„Weil deine Augen in den unsren erwachen, weil dein Herz sich öffnet in unseren Herzen, fühlen wir, wie unsere schwächliche Liebe aufblüht, sich weitet wie eine Rose, zärtlich und ohne Grenzen für all diese Menschen, die hier um uns sind … In uns vollzieht sich das Sakrament deiner Liebe. Wir binden uns an dich, wir binden uns an sie mit der Kraft eines Herzens, das für dich schlägt. Wir binden uns an dich, wir binden uns an sie, damit ein Einziges mit uns allen geschieht.“¹
Musik 6: Johan Herman, Adoro te devote (Alexandre Guilmant)
„Ich sehe was, was du nicht siehst“ – und das ist kostbar. So überschreibe ich für mich das Fronleichnamsfest. Es geht darum mehr zu sehen, tiefer zu sehen, mit einem liebenden Blick, wie ihn Gott auf uns richtet. Indem Menschen heute den Leib Christi in einem Stückchen Brot durch die Straßen tragen, machen sie sichtbar, wie Gott in Jesus Christus mit seinem Volk unterwegs ist. Sie machen sichtbar, wie Gott auf die Menschen sieht: mit Liebe und der Bereitschaft sich für andere hinzugeben, sich von ihnen verzehren zu lassen.
„Ich sehe was, was du nicht siehst.“ Eigentlich ein Kinderspiel, aber es kann den Blick schulen, mehr zu sehen, tiefer zu sehen und vielleicht sogar mit den liebenden Augen Gottes zu sehen. Ich bin mir sicher: Mit diesem Blick kann man die Welt anders wahrnehmen und sie dann auch verändern.
Musik 7: Cecilia McDowall, Adoro te devote. Für fünfstimmigen Chor a cappella (Anna Lapwood, The Chapel Choir of Pembroke College, Cambridge)
So wünsche ich Ihnen heute viel Freude beim Spielen und überraschende Entdeckungen von bislang verborgenen Sichtweisen und dabei einen gesegneten Fronleichnamstag.
Ihr Propst Dietmar Röttger aus Soest.
[1] Vgl.: Gotteslob 497. [2] Ebd.
