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Kirche in WDR 3 | 28.10.2026 | 07:50 Uhr
Böse sind die anderen
Guten Morgen.
Alles beginnt mit einem Apfelbaum. Genauer: mit den Äpfeln, die regelmäßig im Garten des Nachbarn landen. Herr M., der Nachbar, findet das nicht lustig, denn er muss sie aufsammeln. Er will, dass Frau S. die Äste wegmacht. Frau S., die Apfelbaumbesitzerin, sieht das anders. Die Sache eskaliert. Erst sind es missbilligende Blicke, dann bissige Kommentare über den Gartenzaun, schließlich ein Brief vom Anwalt. Der Apfelbaum steht noch immer. Die beiden reden nicht mehr miteinander. Seit drei Jahren.
Weil ein Streit immer Kreise zieht, werden auch die Nachbarn zunehmend mit hineingezogen. Die Parteien stehen sich unversöhnlich gegenüber.
Was für ein Kindergarten. Leider gibt es den nicht nur in dieser Nachbarschaft. Tauschen Sie die Namen aus und die Größe der Grundstücke, und Sie entdecken das Muster von 90% aller Kriege: Es geht um alte Verletzungen, um die Fehler der anderen und den Wunsch, sich zu rächen. Wenn Sie noch Macht und Geld dazunehmen, sind Sie bei 100%. Das Muster aller Konflikte ist oft gleich, nur die Mittel der Auseinandersetzung und die Anzahl der Beteiligten sind verschieden.
Schuld sind die anderen. Immer die anderen.
Das gehört auch zu diesem Muster: Dem anderen eine Kleinigkeit als riesigen Fehler anrechnen, den eigenen Anteil am Konflikt dann aber übersehen. Das ist so menschlich. Und es ist verständlich: Meine eigenen Bedürfnisse, meine eigenen Fehler oder Positionen sehe ich im Zusammenhang meines Lebens. Bei den anderen fehlt mir das meistens – ich kenne sie ja nicht so gut. Deswegen halte ich mein Anliegen für eher berechtigt als die der anderen. „Ist doch klar, dass ich mit meinen Rückenschmerzen nicht ständig die Äpfel aufheben kann!“, sagt Herr M. Frau S. weiß aber nichts von diesen Schmerzen. Und weil sie nicht miteinander reden, sondern nur streiten, wird sie es auch nie erfahren.
Es sei denn, einer von ihnen macht den ersten Schritt, backt einen Apfelkuchen und klingelt an der Tür. Das wäre nicht einmal ein Geschenk an den anderen – es wäre vor allem eines an sich selbst. Denn Vergebung nützt vor allem demjenigen, der sich verletzt fühlt. Ganz einfach, weil es dann ein Ende hat, dass die alte Wunde in jedem Streit immer wieder aufgerissen wird.
Nun denken Sie vielleicht: „Typisch Kirche!“ Da träumt sich wieder einer in eine Welt, die nicht so einfach ist, wie er meint. Das wäre ein Missverständnis: Vergebung ist zwar einfach, aber sie nicht leicht. Ich will Sie heute Morgen nicht zum Träumen auffordern.
Ich will Ihnen Mut machen, den schweren Weg zu nehmen. Sie werden oft vor verschlossenen Türen stehen und noch öfter vor verschlossenen Herzen. Sie werden sich oft über Menschen ärgern. Und Sie werden es immer wieder versuchen müssen.
„Wie oft müssen wir vergeben?“, wird Jesus gefragt. „Sieben Mal?“. „Von wegen“, sagt er, „siebzigmal siebenmal“ müsst ihr vergeben. (Die Bibel (Luther 2017), Matthäus 18,22)
Also 490mal. Sie werden eine Menge Apfelkuchen brauchen. Vielleicht fangen Sie gleich an, zu backen. Und wenn Ihnen wieder mal jemand die Tür vor der Nase zuschlägt, haben Sie wenigstens etwas Leckeres zu essen. Und 489 weitere Versuche.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )
Ihr Matthias Kleiböhmer aus Unna.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
