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Hörmal | 04.06.2026 | 07:45 Uhr
Glauben in die Welt tragen
Heute ist Fronleichnam. Heute ist Fronleichnam. Für viele evangelische Christen ein Tag, an dem sie frei haben, mit dem sie aber inhaltlich nicht viel anfangen können. Worum geht’s? An diesem Tag feiern Katholikinnen und Katholiken, dass Jesus Christus in Brot und Wein wirklich gegenwärtig ist. Nicht als Erinnerung, sondern als lebendige Wirklichkeit. Als evangelischer Christ kenne ich dieses Fest nur durch die Prozession der katholischen Gemeinde, die traditionell an diesem Tag stattfindet. Dann zieht die Gemeinde singend und betend durch die Stadt. Mittendrin wird ein kostbares, goldenes strahlendes Gefäß getragen – die Monstranz, in der eine geweihte Hostie sichtbar für alle getragen wird. Man trägt sozusagen Jesus Christus selbst durch die Straßen.
Lange war Fronleichnam ein Fest der Grenzen. Wer mit durch die Straßen läuft, gehört dazu – wer nicht, eben nicht. Katholisch und evangelisch, das war lange Zeit eine echte Trennlinie. Heute erlebe ich das anders. Evangelische Nachbargemeinden werden oft ganz selbstverständlich zur Fronleichnamsprozession eingeladen. Gemeinsam unterwegs sein – das verbindet mehr als Unterschiede trennen.
Vor kurzem stand ich mit einem katholischen Freund in einer Ausstellung. Eines der Ausstellungsstücke war ein kleines Stückchen Mauer. Die ausgestellten Ziegelsteine waren ein Teil einer ursprünglich langen Mauer auf einem Schulhof. Sie trennte katholische und evangelische Kinder. Heute unvorstellbar.
Wie gut, dass sich die Art und Weise, wie Menschen ihren Glauben leben, weiterentwickeln kann, denke ich. In der Ökumene war es ein weiter Weg bis hierhin und er ist noch nicht zu Ende. Menschen erleben, dass sie etwas Grundlegendes über alle unterschiedlichen Ausprägungen des Glaubens hinweg verbindet. Wir leben in Zeiten, in denen gesellschaftliche Kräfte das Trennende unter den Menschen wieder in den Vordergrund stellen. Auch Religion spielt dabei eine wichtige Rolle. Feiertage wie dieser zeigen, dass es anders geht: Die eigene Tradition bewahren und zugleich mit anderen zusammen feiern.
Prozessionen wie heute an Fronleichnam sind eine ganz spezielle Art, seinen Glauben in die Welt zu tragen. Im Alltag zeigt er sich darin, wie wir miteinander umgehen, wie wir übereinander sprechen, auch wenn wir nicht einer Meinung sind. Tragen wir zum Leben bei, zum Frieden, zur Gemeinschaft untereinander, dann spiegelt sich darin die Nachfolge Jesu wider, mitten unter uns.
Redaktion: Landespfarrerin Julia-Rebecca Riedel
