Beiträge auf: wdr2
Kirche in WDR 2 | 02.01.2026 | 05:55 Uhr
Mer dünn et för Kölle
Gestern war der Tag zum Ausschlafen nach Silvester. Heute ist der Tag für die guten Vorsätze. Was will ich im Neuen Jahr anders machen? Rauchen aufgeben, jeden Tag tausend Schritte, auf Alkohol verzichten. Oder nach Pfadfinderart jeden Tag eine gute Tat?!
Klar, persönliche Vorsätze sind gut; sie funktionieren aber nur, wenn man sie organisiert und kontrolliert. Wer im Januar auf Alkohol verzichten möchte, soll also heute noch einen Kasten alkoholfreies Bier besorgen, um sich langsam umzugewöhnen. Wer als Mann vorhat, mehr im Haushalt mitzuhelfen, kann ja gleich mit dem Bier auch Toilettenreiniger einkaufen. Und vielleicht noch einen neuen Wischmopp. Ein Vorsatz könnte aber auch sein, sich mehr fürs Miteinander einzusetzen. Das neue Motto des Karnevals in Köln lautet: Alaaf - Mer dun et för Kölle. Hier kommen nicht die individuellen Vorsätze in den Blick, sondern die gemeinschaftlichen. Kürzlich ist ein Buch erschienen, das zwar nicht den Karneval im Blick hat, aber das, was ihn ausmacht und was das neue Motto ausdrückt: Der Gemeinsinn. Aleida Assmann und ihr vor kurzem verstorbener Gatte Jan Assmann geben ihrem Buch den Titel "Gemeinsinn. Der sechste soziale Sinn“. Jeder Mensch hat also diese Fähigkeit, sich für die Gemeinschaft einzusetzen.
Gemeinsinn, so das Ehepaar Assmann, ist nicht nur moralisch gut, sondern für unsere Demokratie lebensnotwendig. Um dies zu erklären, gehen sie von der berühmten Böckenförde-These aus. Der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde hat schon 1964 formuliert, Zitat: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann". Zitat Ende. Wie sehen diese Voraussetzungen nun aus. Wieder Böckenförde, Zitat: "Vom Staat her gedacht, braucht die freiheitliche Ordnung ein verbindendes Ethos, eine Art 'Gemeinsinn' bei denen, die in diesem Staat leben". Zitat Ende. Nötig für unsere Demokratie ist also gelebte Kultur der Solidarität, des Mitgefühls, des Respektes. Ein guter Vorsatz für das neue Jahr ist es, den sechsten Sinn zu beleben den Gemeinsinn. Das Buch bringt auch praktische Beispiele, etwa die Tafeln die Lebensmittel verteilen. Oder die Stolpersteine in vielen Ländern, die an Opfer der NS-Diktatur erinnern. Oder Bürgerinitiativen, die zum Beispiel ein Freibad erhalten, das die Kommune nicht mehr finanzieren kann. Gemeinsam statt einsam. Mein Vorschlag für einen Vorsatz.
In zwei Wochen schaue ich nach Finnland und Dänemark, laut
der Untersuchung der Vereinten Nationen die glücklichsten Länder der Welt.
Warum? Weil die Menschen dort den sechsten Sinn einsetzen, den Gemeinsinn.
