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Kirche in WDR 3 | 01.01.2026 | 07:50 Uhr
Neujahr – und der Kater des Menschseins
Guten Morgen liebe Hörerinnen und Hörer!
Heute ist Neujahr. Noch deutlicher sagen es beispielsweise die Italiener: capo d`anno, Beginn des Jahres, eigentlich wörtlich: Kopf des Jahres, wir könnten auch sagen: erstes Kapitel des langen neuen Jahres.
Wir wissen nicht, wie lang unser neues Jahr für uns selbst auf dieser Welt dauern wird. Je älter wir sind, desto größer ist – rein mathematisch – die Wahrscheinlichkeit, daß es anders enden wird, als es begonnen hat. Um es einmal milde auszudrücken. Daß es vielleicht enden wird nicht in endlosem Nichts, sondern in einer Vollendung. Denn das steckt ja noch ganz verborgen im deutschen Wort Ende: Eine mögliche Vollendung, die am Anfang noch ganz verborgen und doch schon von Anfang an da war. So wie die Buchecker, die ganz winzig und etwas schrumpelig in sich die Möglichkeit zur vollen Entfaltung als vollendete mächtige Buche trägt.
Ohne Buchecker wäre nie eine Buche erwachsen, aber natürlich macht eine kleine Buchecker noch keinen Buchenwald. Viel muß zusammenkommen, um eine formvollendete Buche entstehen zu lassen, geschweige denn einen ganzen Buchenwald: Die Buche denkt augenscheinlich nicht über ihr Dasein nach. Glückliche Buche! Sie entsteht und vergeht nach vielleicht fünfhundert Jahren, ohne Zweifel und ohne Wehmut und ohne Verärgerung. Ob sie eine ursprünglich und am Anfang gedachte und erwünschte Vollendung erreicht, geht sie nichts an. Zum Glück. Zum Unglück ist der Mensch ein anderes Lebewesen als die Buche. Er kann nicht nur darüber nachdenken, ob sein Anfang ein glückliches Ende und eine erwünschte Vollendung nimmt, er muß es sogar. Dass ist einerseits sein Verhängnis, zumindest sein hartes Schicksal, andererseits aber auch Quelle des Glücks und der stets fiebrigen Sehnsucht nach Mehr.
Der Mensch steht nicht einfach wie die Buche fraglos auf der Erde, sondern reckt sich fragend in den Himmel: Kommt noch mehr? Kommt noch was? Gibt es eine angelegte und dann doch unvermutete und nie ganz erahnte Vollendung? Ist der Anfang des Jahres so wie der Anfang des eigenen Lebens verheißungsvoller Anfang und beglückender Beginn einer Lebensreise, deren Ende wir so wenig in der Hand haben wie einst den Anfang?
Zum Kater des Menschseins gehört dieses Grübeln, dies verdüsterte Bilanzieren, dies akribische Aufspüren von Defiziten.
An Tagen wie diesen spüren manche diesen Kater noch mal etwas deutlicher – auch und gerade wenn sie nüchtern sind. Aber: Vielleicht könnten wir uns in den nächsten Tagen des neuen Jahres etwas einüben in diese wohltuende himmlische Rechenkunst: Der Gott, an den Christen glauben, möchte kein vollkommen gelungenes Leben von uns. Sonst hätte er ja nichts mehr zu tun… Er möchte unseren Anfang, damit er unsere Mühe vollenden kann. Und was in jedem Bewerbungszeugnis vernichtend klingt als „Er hat sich sehr bemüht“, das heißt bei Gott: Es gibt keinen Mangel vor Gott, außer den, nicht den Anfang frohgemut zu wagen in der Hoffnung auf Vollendung.
Glück und Segen für 2026 wünscht Ihnen Monsignore Peter Schallenberg aus Paderborn.
