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Kirche in WDR 2 | 12.05.2026 | 05:55 Uhr
Kinderwunsch
Wir sitzen im Klostercafé in Himmerod, mitten in der Eifel. Die Vögel zwitschern, es ist so richtig Frühling. Meine Freundin erzählt mir von ihrem Urlaub in der Türkei. Sie erzählt von Ephesus, von der Hitze und den Ruinen. Und dann, fast beiläufig sagt sie: „Ich war am Haus der Maria auf dem Nachtigallenberg bei Selçuk. Unterhalb des Hauses gibt es eine Quelle. Ich habe davon getrunken." Und weiter sagt sie lächelnd: „Frauen mit einem Kinderwunsch tun das seit Jahrhunderten."
Ich nicke. Ich denke an den Kunibertspütz in Köln – einen uralten Brunnen in der Krypta unter St. Kunibert. Die Legende sagt: Wer davon trinkt, den beschenkt Maria mit einem Kind.
Etwas später gehen meine Freundin und ich in die Abteikirche in Himmerod. Und da entdecken wir die Davids-Kapelle. Der Selige David – Mönch und Mystiker – ist 1179 hier gestorben. Sein Grab ist bis heute Wallfahrtsziel von Frauen mit Kinderwunsch. Es gibt seinen Gürtel hier, eine Berührungsreliquie. Und Kerzen. Viele Kerzen. Was mich dabei bewegt: Die Kerzen brennen nicht nur für erfüllte Wünsche. Sie brennen auch für die, die unerfüllt geblieben sind, aber ausgesprochen werden durften.
Das, glaube ich, ist das Kostbarste an diesen Orten. Nicht die Magie. Nicht das Versprechen. Sondern dieses: Hier darf ich meinen Wunsch benennen. Hier darf ich hoffen.
In meinem Glauben nennen wir das Gebet. Und ich glaube: Gott hört zu, ohne zu urteilen. Er nimmt an, was ich bringe. Den Wunsch, die Hoffnung und auch die Enttäuschung. Meiner Freundin wünsche ich, dass sie eines Tages sagen kann: Es ist passiert, das Wunder – ich bin schwanger. Das wünsche ich ihr wirklich von Herzen. Und wenn’s nicht passiert, dann war ihr Wunsch aber trotzdem real. Und er durfte sein. Ich glaube, das zählt. Jeder Wunsch, der ehrlich ist, hat seinen Platz vor Gott. Nicht weil er erfüllt wird. Sondern weil er gehört wird.
Und das ist vielleicht das Schönste am Gebet: Es hört nur einer zu. Einer, der keine Ratschläge gibt. Der nicht sofort sagt: „Bei mir war das damals auch so, und dann hab‘ ich das ..." Der einfach zuhört. Der meinen Wunsch lässt, wie er ist. Der mich nicht trösten oder weiterbringen will. Sondern der mich einfach versteht.
Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius
