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Kirche in WDR 5 | 19.10.2026 | 06:55 Uhr
Wo laufen sie denn hin?
„Ja,
wo laufen sie denn? Ja, wo laufen sie denn wohl hin?“ Vor 15 Jahren starb Vicco
von Bülow. Den meisten ist er ja als Loriot bekannt. Viele seiner Sketche
-gezeichnet oder grandios gespielt- sind bis heute ebenso unvergessen, wie
seine beiden Filme. So manche Redewendung hat auch in meinen Sprachschatz eine
Heimat gefunden. Diese Redewendung von
den Knollennasenmännchen mit dem Fernglas in der Hand, die das Treiben auf der
Rennbahn verfolgen: „Ja, wo laufen sie denn? Ja, wo laufen sie denn wohl hin?“ –
Die hat fast etwas zu tun mit meiner Aufgabe–
als Wallfahrtsreferent in Kevelaer.
Jetzt, Ende Oktober neigt sich bei uns am Niederrhein die Pilgerzeit dem Ende entgegen. Aber besonders von August bis Oktober ist eine Menge los. Egal von welcher Seite man von Spätsommer bis Frühherbst auf die Stadt zu fährt, sieht man betende, singende, laufende und fahrradfahrende Menschen. „Ja, wo laufen sie denn wohl hin?“
Alle diese Menschen haben ein Ziel: die kleine Kapelle in der Mitte der Stadt. Darin ein kleines Bild der Muttergottes. Wie Maria hier bezeichnet wird, das ist Programm: Consolatrix afflictorum - Trösterin der Betrübten.
Wenn
die Pilgerinnen und Pilger diese Wege zu ihrer Wallfahrt antreten, dann ist das
oft kein Nachmittagsspaziergang und hat wenig mit Gemütlichkeit zu tun. Bocholt
– Kevelaer: Das sind mal eben 50 Kilometer. Von Köln bis zu uns läuft man
mehrere Tage und 106 Kilometer.
„Hut ab!“, das denke ich jedes Mal, wenn ich die Gruppen bei
ihrem Einzug in die prächtige Basilika begrüßen darf. Die Strapazen sehe ich ihnen
an. Besonders in diesem Jahr, wo die starke Hitze das Pilgern mitunter zur
Grenzerfahrung gemacht hat. Die Mühen sehe ich den Pilgernden an, nicht aber
das, was sie unsichtbar im Gepäck haben. Warum machen Menschen das? Warum opfern sie für
so ein religiöses Himmelfahrtskommando ihre Freizeit und oft auch ein Teil
ihres Jahresurlaubes? „Ja, WARUM laufen sie denn?“
Wenn ich mit Menschen aus den Wallfahrtsgruppen ins Gespräch komme, dann weiß ich manchmal nicht, vor was ich mehr Respekt bekommen sollte. Viele machen tatsächlich ihrem Glauben sprichwörtlich Beine. Sie sagen: Unterwegs an der frischen Luft, fast nur da, kann ich etwas von dem spüren, was meinen Glauben ausmacht. Andere brauchen einen klaren Kopf. Von Mobbingangriffen erzählte mir eine Frau. Am Ende hatten die Kollegen sie ins Krankenhaus gebracht. Jetzt sei sie erst mal arbeitslos, aber zum ersten Mal seit langem frei. Wir hören von viel Unverständnis. Eltern verstehen ihre Kinder nicht mehr. Kinder ärgern und wundern sich über ihre Eltern. Partner wissen nicht, wie man sich so fremd werden konnte. Viele haben Trauer im Gepäck. Ein Kerzchen bei der „Trösterin der Betrübten“ zum Abschied – quasi.
Manche danken. Für eine neue Liebe. Für eine unerwartete Genesung. Aber auch für die kleinen-großen Dinge. Die Palette der Anliegen ist groß. Immer dann, wenn ich mit dem Auto auf dem Weg zur Arbeit an den Gruppen vorbeifahre, dann denke ich auch an das, was man nicht sehen kann.
Und jetzt frage ich Sie mal. Frei nach Loriot: „Ja, wo laufen SIE denn?“ – Ist Pilgern was für Sie? Vielleicht noch nie probiert – aber alleine ist auch doof? Viele Pilgergruppen freuen sich über neue Gesichter. Und die Mutter Gottes hier bei uns? Die ist gastfreundlich. Ehrenwort!
Das weiß: Bastian Rütten aus Kevelaer.
