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katholisch
Kirche in WDR 5 | 07.11.2026 | 07:55 Uhr
Unter meinen Kontakten
Am Morgen, wenn der Tag noch nicht entschieden ist, da gehen einem ja manchmal merkwürdige Gedanken durch den Kopf. Bilder, manchmal auch Namen. Ein Blick in die Kontakte-Liste meines Handys reicht da schon. Ich suche eine Nummer, scrolle so runter …, und unter V wie Verst finde ich auch Namen aus meiner Familie – dazwischen meine Mutter und auch meine Schwester. Beide aber … leben schon lange nicht mehr. Sie sind leider schon länger nicht mehr da. In meinem Handy aber stoße ich manchmal auf ihre Namen und die Kontaktfotos. Ich sehe ihre Gesichter.
Für einen Moment ist mir, als könnte ich einfach auf die Nummer tippen und sie anrufen. So selbstverständlich stehen sie da. Ich habe ihre Nummern nicht gelöscht.
Ich bin meinem Handy dankbar, dass es mir diese Kontakte erhalten hat. Ohne dass ich überhaupt gewählt hätte, bin ich schon mitten in einem Ferngespräch. Und mir fällt ein, was ich den beiden am liebsten jetzt erzählen würde. So sind sie mir auf einmal ganz nah. Ich find’ das gut, dass mir die beiden manchmal so unvermittelt in mein Leben stolpern. Ich erlebe, dass sie zu mir gehören und wie viel von ihnen in meinem Leben steckt …
Und doch fehlen sie. Sie sind nicht da. Die Toten schweigen. Daran ändert auch eine gespeicherte Telefonnummer nichts. Meine Mutter ruft nicht zurück. Und auch meine Schwester fällt mir nicht mehr ins Wort. — Vielleicht haben uns die Toten gerade so etwas zu sagen. In dieser Nähe, in der sie zugleich fehlen – in diesem Halblicht, dieser eigentümlichen Schwebe. In diesem Dazwischen von Skepsis und Zuversicht. Hier, in diesem Augenblick, empfinde ich etwas von dem, was mir meine Eltern als Haltung, als eine Hoffnung mitgegeben haben – über den Tod hinaus.
Dies hab ich vor einiger Zeit in einem Gedicht zum Ausdruck gebracht. „Liebe leben“* heißt es:
„Wir sollten auch die Toten lieben
Als unsere Nächsten
Lieben wie uns selbst.
Die Toten aber schweigen.
Wortlos ist ihre Gegenwart
Und unsichtbar ihr Sinn.
Wie Liebe.
Ohne Worte eben
Ein Leben ohne Spiegelung.
Was sie, die Toten, sagen?
Dass wir nicht tot sind.
Dass wir leben
Wo wir lieben
Schon vor dem Tod
Zum Leben ewig auferstehen.
Jetzt ist die Stunde.
Jetzt ist die Zeit.
Der Tod macht den Augenblick zur
Ewigkeit.“
Mit diesem Gedanken wünsche ich Ihnen einen guten Morgen.
Ludger Verst aus Köln
* Das Gedicht „Liebe leben“ ist veröffentlicht in Ludger Verst: Tiefentheologie. Von einem Gott, der zu Grunde geht, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2025, 254.
Für einen Moment ist mir, als könnte ich einfach auf die Nummer tippen und sie anrufen. So selbstverständlich stehen sie da. Ich habe ihre Nummern nicht gelöscht.
Ich bin meinem Handy dankbar, dass es mir diese Kontakte erhalten hat. Ohne dass ich überhaupt gewählt hätte, bin ich schon mitten in einem Ferngespräch. Und mir fällt ein, was ich den beiden am liebsten jetzt erzählen würde. So sind sie mir auf einmal ganz nah. Ich find’ das gut, dass mir die beiden manchmal so unvermittelt in mein Leben stolpern. Ich erlebe, dass sie zu mir gehören und wie viel von ihnen in meinem Leben steckt …
Und doch fehlen sie. Sie sind nicht da. Die Toten schweigen. Daran ändert auch eine gespeicherte Telefonnummer nichts. Meine Mutter ruft nicht zurück. Und auch meine Schwester fällt mir nicht mehr ins Wort. — Vielleicht haben uns die Toten gerade so etwas zu sagen. In dieser Nähe, in der sie zugleich fehlen – in diesem Halblicht, dieser eigentümlichen Schwebe. In diesem Dazwischen von Skepsis und Zuversicht. Hier, in diesem Augenblick, empfinde ich etwas von dem, was mir meine Eltern als Haltung, als eine Hoffnung mitgegeben haben – über den Tod hinaus.
Dies hab ich vor einiger Zeit in einem Gedicht zum Ausdruck gebracht. „Liebe leben“* heißt es:
„Wir sollten auch die Toten lieben
Als unsere Nächsten
Lieben wie uns selbst.
Die Toten aber schweigen.
Wortlos ist ihre Gegenwart
Und unsichtbar ihr Sinn.
Wie Liebe.
Ohne Worte eben
Ein Leben ohne Spiegelung.
Was sie, die Toten, sagen?
Dass wir nicht tot sind.
Dass wir leben
Wo wir lieben
Schon vor dem Tod
Zum Leben ewig auferstehen.
Jetzt ist die Stunde.
Jetzt ist die Zeit.
Der Tod macht den Augenblick zur
Ewigkeit.“
Mit diesem Gedanken wünsche ich Ihnen einen guten Morgen.
Ludger Verst aus Köln
* Das Gedicht „Liebe leben“ ist veröffentlicht in Ludger Verst: Tiefentheologie. Von einem Gott, der zu Grunde geht, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2025, 254.
