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Kirche in WDR 5 | 13.08.2026 | 06:55 Uhr
Mauerbau – auch heute
Heute vor 65 Jahren begann der Bau der Berliner Mauer. Ich selbst bin zu jung, um die Mauer erlebt zu haben. Und trotzdem besuche ich die Gedenkstätten fast immer, wenn ich in Berlin bin. Die Berliner Mauer ist für mich weit mehr als ein historisches Bauwerk. Sie steht für das Leid unzähliger Menschen. Für getrennte Familien. Für zerstörte Lebenswege. Sie zeigt, wie tief Gräben zwischen Menschen werden können. Und welche Macht eine Ideologie gewinnt, wenn sie Menschen voneinander trennt.
Über Nacht hatte die DDR-Regierung damals eine Grenze aus Beton und Stacheldraht errichtet. Menschen wurden physisch voneinander getrennt. Begegnungen verhindert, Kommunikation unterbunden. Viele haben den Versuch, die Mauer zu überwinden, mit dem Leben bezahlen müssen.
Bis sie wieder
fiel, dauerte es fast drei Jahrzehnte. Und obwohl der Mauerfall inzwischen fünf
Jahre länger zurückliegt, als die Mauer überhaupt stand, sind die Folgen bis
heute spürbar. Die Macht der Mauer zeigt sich eben nicht nur in ihrer Höhe und
Breite, sondern auch in unseren Köpfen.
Mauern zwischen Meinungen. Mauern zwischen Weltbildern. Mauern zwischen
Menschen. Und diese Mauern in den Köpfen sind nicht selten genauso hoch und
blickdicht wie die Berliner Beton-Mauer. Den anderen noch sehen? Fehlanzeige.
Miteinander sprechen? - Nur noch übereinander.
Gerade in den sozialen Medien werden fleißig Mauern gebaut. Menschen ziehen sich in ihre eigene Welt zurück. Der Austausch mit anderen Meinungen wird seltener. Das Urteil über „die Anderen“ dafür umso schneller und härter.
Die Berliner Mauer wurde über Nacht gebaut. Was unsere Gesellschaft – auch durch die sozialen Medien – mit Mauern durchzieht, das passiert schleichend. Aber die Wirkung ist erschreckend ähnlich: Trennung. Eine unheilvolle Entwicklung.
In der Bibel
findet sich dagegen ein bemerkenswerter Satz. Im 18. Psalm heißt es: „Mit
meinem Gott überspringe ich Mauern.“ Ich mag dieses Bild. Denn der Gott
Abrahams, Isaaks und Jakob ist kein Gott zum Mauerbau.
Er ermutigt uns, sie zu überwinden.
Wer hierfür ein
Beispiel sucht, der muss in NRW nicht weit fahren. Nicht in Berlin ist es zu
finden, sondern in Roermond, direkt hinter der holländischen Grenze. Dort
erinnern zwei berührende Gräber daran, dass auch meine Religion lange Zeit
Mauern gebaut hat – trotz Psalm 18, trotz des Gottes, der Mauern nicht mag.
Diese beiden Gräber sind alt. Und stammen aus der Zeit, als Katholiken und
Protestanten verschiedene Friedhöfe hatten, oft durch Mauern getrennt. In
Roermond liegt ein Paar, er evangelisch, sie katholisch[1]. Sie wollten im Tod nicht
getrennt sein. Und so reichen zwei Arme am Ende des jeweiligen Grabsteins
hinweg über die Friedhofsmauer zwischen den Konfessionen. Auf ewig halten so
die beiden Händchen. Mich beeindruckt diese Liebe, die Zeugnis gibt von dem Vertrauen
auf Gott, der Mauern überwindet.
Mauern überwinden. Das ist heute wieder mehr gefragt als 1989, als die Berliner Mauer fiel. Den ersten Schritt wagen. Auf die andere Seite schauen. Wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Oft beginnt das gar nicht im Großen, sondern da, wo Menschen wieder aufeinander zugehen. Mit einem offenen Wort. Mit ehrlichem Zuhören. Mit einem ehrlichen Blick und nicht mit verschlossenem Visier.
Denn die gefährlichsten Mauern sind oft nicht die aus Beton, sondern die, die wir zwischen Menschen errichten. Mit meinem Gott überspringe ich Mauern. Vielleicht beginnt genau dort das erste Gespräch.
Einen gesegneten Tag wünscht Ihnen Ihr Pastor Sascha Heinrich aus Marsberg.[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Grab_mit_den_H%C3%A4ndchen
