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Hörmal | 09.08.2026 | 07:45 Uhr
KI-mein zweites Ich?
„Ich habe mich selbst als KI nachgebaut“, schreibt Yves Bellinghausen in der ZEIT. „Sieht nicht gut aus für mich.“ Ein spannendes Selbstexperiment. Der Autor erstellt mithilfe seiner persönlichen Daten, seiner Stimme, seiner Schreibweise und seinen Gewohnheiten einen KI-Agenten. Der KI-Doppelgänger übernimmt immer mehr Aufgaben: Er vereinbart Termine, telefoniert mit Restaurants, führt Interviews, kommuniziert mit Kolleginnen und Kollegen und formuliert Texte.
Anfangs erlebt Bellinghausen das als enorme Erleichterung. Doch je besser der digitale Zwilling funktioniert, desto unangenehmer wird das Experiment für ihn. Er stellt fest, dass die KI oft strukturierter, geduldiger und schlagfertiger wirkt als er selbst. Daraus entsteht eine spannende Frage: Was passiert mit uns, wenn eine Maschine uns imitiert und manchmal sogar besser ist als wir?
Bellinghausen ist verunsichert und sogar eifersüchtig auf seine eigene, digitale Kopie. Und er beobachtet bei sich, wie leicht es ist, sein eigenes Denken und Entscheiden an die KI auszulagern. Dass man nicht nur Aufgaben delegiert, sondern auch Kreativität, Urteilsvermögen und zwischenmenschliche Kommunikation.
Ich frage mich: Wenn eine Maschine immer mehr für mich erledigt – was bleibt dann eigentlich noch von mir selbst? Unweigerlich kommt mir ein Vers aus dem Matthäusevangelium in den Sinn: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“
Übertragen auf die Welt der KI kann man fragen: Was nützt uns maximale Effizienz, wenn wir dabei den Kontakt zu uns selbst verlieren? Wenn wir Zeit gewinnen, aber die gewonnene Zeit nicht für Beziehungen, Muße oder echte Begegnungen nutzen? Wenn wir Entscheidungen, Kreativität und Kommunikation zunehmend an Algorithmen delegieren?
KI ist ein hilfreiches Werkzeug. Problematisch ist sie, wo sie nicht nur Aufgaben, sondern auch Verantwortung, Aufmerksamkeit und Selbstreflexion übernimmt.
Und: Sie kann Gefühle erkennen und analysieren, aber nicht fühlen. Sie kann Freundschaften erklären, aber nicht leben. Sie kann Hoffnungen formulieren, aber nicht hoffen. Sie kann sagen, wonach Tränen schmecken, aber nicht weinen. Sie kann Gebete sprechen, aber nicht beten. Sie kann über Liebe philosophieren, aber nicht lieben. Was also nützt mir ein perfekter digitaler Zwilling, wenn ich dabei verlerne, ich selbst zu sein?
Quellen:
Die Zeit N 26, 11.Juni 2026, Yves Bellinghausen: Ich habe mich selbst als KI nachgebaut. Sieht nicht gut aus für mich. Dossier S. 13-15
Die Bibel: Matthäus 16,26
Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius
