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Kirche in 1Live | 08.05.2026 | floatend Uhr
Herrmann ist der personifizierte Frieden
Herrmann lebt in einer meiner Gemeinden und heute wird er 81, also ist er geboren am 8. Mai 1945. Das bedeutet: Hermann wurde geboren in den letzten Stunden des zweiten Weltkriegs oder in den ersten Stunden nach Ende der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. Am 8. Mai vor 81 Jahren hörte das Schießen und Bomben in Europa auf - und auch das Foltern und Morden. Es wurden weiße Fahnen gehisst – oder Bettlaken. Bedingungslose Kapitulation und Befreiung vom Nazi-Terror. Herrmann ist sozusagen die personifizierte neue Zeitrechnung. Die Zeitrechnung des Friedens in unserem Land. Die Zeitrechnung, in der unser Land zu einer offenen Gesellschaft gefunden hat, in der die Menschenrechte gelten und die Würde des und der Einzelnen unantastbar ist. Unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, Religion oder Lebensentwurf. Wie Herrmanns Eltern auf die Idee kamen, im Spätsommer 1944 ein Kind zu zeugen, ob es Hoffnung war oder Hoffnungslosigkeit, darüber weiß Herrmann nichts, weil er es von seinen Eltern nie erfahren hat. Sie haben alles, was sie im Krieg erlebt, ertragen und erlitten haben, tief in ihrer Seele eingeschlossen, um ihren Sohn vor den Bildern in ihren Köpfen zu bewahren. „Mutter und Vater sind während meiner Kindheit nachts oft aufgeschreckt und haben geschrien. Das ist alles, was ich weiß“, sagt er. Herrmann ist derjenige in meinen Gemeinden, der am längsten, nämlich Zeit seines Lebens, in Frieden lebt. Heute seit 81 Jahren. Und er will alles, was jetzt noch in seiner Kraft steht, dafür tun, dass auch seine Enkel eine so lange Friedenszeit in einer menschenfreundlichen, offenen und bunten Gesellschaft leben können.
Martin Kürble, Düsseldorf
