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Flauten gehören zum Leben
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Kirche in WDR 3 | 27.08.2026 | 07:50 Uhr

Flauten gehören zum Leben

Moin, moin! Es ist still, verdächtig still. Ich bin mit einer Gruppe junger Menschen auf dem westfriesischen Wattenmeer unterwegs. Unser Boot, ein Zweimaster, ist gleichzeitig unser Zuhause für diese Woche. Während ich mich gerne unter Deck um das leibliche Wohl der Mannschaft sorge, kümmern sich die anderen darum, dass wir mit Hilfe der Segel den nächsten Hafen erreichen. Das geht immer mit einer gewissen Betriebsamkeit und Lautstärke an Deck einher.

Aber gerade ist es verdächtig still. Neugierig komme ich auf Deck und erkenne schnell den Grund der ungewohnten Stille: Flaute. Vor wenigen Minuten wölbten sich noch unsere Segel im Wind, und jetzt liegt alles ruhig da. Das Wasser ist spiegelglatt, und die Mannschaft döst genervt in der Sonne.

Unser Skipper, ein erfahrener Seebär, meint nur: „Wir Menschen können zwar viel, aber Wind können wir nicht machen. Jetzt heißt es abwarten und ausharren.“ Und gerade das scheint einigen der jungen Leute sehr schwer zu fallen.

Den Wind können wir leider nicht erzwingen. Wie so vieles andere im Leben auch nicht. Für mich gehört das zum Herausforderndsten des Lebens und auch des Glaubens. So gerne ich alles unter Kontrolle habe, Abläufe plane und die Welt um mich herum in Bewegung halte – wenn Flaute ist, ist Flaute.

Die spirituelle Tradition nennt solche Zeiten auch Wüstenzeiten: Zeiten der Leere, der Stille, in denen sich scheinbar nichts bewegt. Und wenn solche Erfahrungen länger anhalten, werden sie zur echten Herausforderung.

Wichtig ist aber: Solche Flauten gehören zum Leben. Man kann denen sogar etwas Gutes abgewinnen. Denn die Flaute geht vorbei. Nicht nur der Skipper kann darauf vertrauen, dass der Wind wiederkommt. Das können wir auch in den Flauten unseres Lebens.

In meiner Ausbildung habe ich einen schönen Satz mit auf den Weg bekommen:
„Wenn du betest und nichts spürst, bleibe trotzdem. Denn auch das ist Gebet.“

Will sagen: Nicht alles im Leben ist Bewegung. Nicht alles ist Aufbruch. Es gibt Zeiten, in denen das Wichtigste nicht das Tun ist – sondern das Bleiben. Das zu wissen, kann überlebenswichtig sein.

Daher besteht die Kunst nicht darin, den Wind machen zu wollen oder die Flaute mit Aktionismus zu bekämpfen. Es geht darum, bereit zu bleiben. Geduldig zu sein. Kräfte zu sammeln. Und nicht zu vergessen, dass auch eine stille Zeit ihre eigene Bedeutung haben kann.

Die entscheidenden Bewegungen meines Lebens begannen nicht dort, wo ich am meisten gedrückt und gezogen habe, sondern dort, wo ich bereit war, als der Wind kam.

Der Mensch kann den Wind nicht machen.
Aber er kann warten und vertrauen. Und dann im richtigen Moment wieder die Segel setzen.

Und genau das haben wir dann auch gemacht, als nach einer guten Stunde der Wind wieder da war.
So waren wir trotz der Flaute auch pünktlich am Abend im Hafen.

Einen gesegneten Tag und guten Wind wünscht
Ihr Pastor Sascha Heinrich aus Marsberg




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