Beiträge auf: wdr4
Kirche in WDR 4 | 26.10.2026 | 08:55 Uhr
Alltagswunder
Guten Morgen.
Manchmal wundere ich mich, dass ich mich nicht mehr wundere. Erwachsene können das einfach nicht. Kinder wundern sich ganz selbstverständlich: „Will drücken“, sagt die Dreijährige, wenn sie den Lichtschalter sieht - und strahlt übers ganze Gesicht, wenn der Raum hell wird. Sie erkennt die einmalige Schönheit eines Schottersteins, der unter hunderttausend anderen am Straßenrand liegt – und unbedingt mit nach Hause muss. Oder sie staunt über die Wellen in den Pfützen, wenn man den Fuß mitten hineinsetzt. Und wie es sich dann anfühlt, wenn sich die Socke mit kaltem Wasser vollsaugt.
Selbst gestaunt habe ich zuletzt, als mich meine Familie zum Geburtstag zu einem kleinen Segeltörn eingeladen hat. Wir durften an Bord ein wenig mithelfen. So hatte ich zusammen mit einigen anderen auch mal den Anker in der Hand. So 60 bis 80 Kilogramm schätze ich. Und jetzt kommt das Alltagswunder: Er hält ein Schiff, das 122.000 Kilo wiegt. Das ist das 1.742-fache seines eigenen Gewichtes. Irre, oder?
Da habe ich zum ersten Mal einen Satz aus der Bibel verstanden, der mich schon viele Jahre begleitet: „Die Hoffnung haben wir als einen festen und sicheren Anker unserer Seele!“ (Die Bibel, Hebräer 6,19) Ich fand den immer gut, ich wollte auch so einen Ankerplatz für die Seele haben. Aber ich fand immer, dass Hoffnung eben nicht sicher ist. Sondern ziemlich zerbrechlich. „Die Hoffnung haben wir als einen festen und sicheren Anker unserer Seele!“ – das klingt in der Bibel irgendwie gut und richtig, im Alltag aber wackelt der Satz doch mächtig.
Und bei dem Segeltörn dann schleppe ich mit anderen zusammen einen Anker zum Schiff, der mir zwar schwer ist, aber nur einen Bruchteil von dem wiegt, was er später halten wird. Ebbe und Flut, Strömung und Wind, Gewitter und Sturm – und die Mannschaft schläft ruhig, wegen dieses kleinen Dings, das wir Anker nennen.
Das ist die Macht der Hoffnung. Sie macht sicher und hält im Auf und Ab meines Lebens, meiner Seele. Sie lässt mich ruhig schlafen. Und für mich ist es nicht irgendeine Hoffnung, sondern eine bestimmte: Es ist die Hoffnung, dass es stimmt, was Gott sagt: “Ich will bei dir sein.“ Gott erspart mir nicht den Sturm, aber er gibt mir sicheren Halt im Sturm. Nichts reißt diesen Seelen-Anker mit. Denn er ist größer ist als alles, was Menschen machen können. Ein ewiger Gott, der nicht loslässt. Noch so ein Wunder, über das ich mich viel zu selten wundere.
Ach ja, und dann muss ich noch das Rätsel auflösen, warum der Anker das Schiff hält: Es ist die Kette. Ihr Gewicht sorgt für eine Menge Reibung auf dem Grund des Meeres.
So hängt auch der Anker der Seele an einer Kette. Sie besteht nicht aus Eisen, sondern aus Vertrauen. Sie wächst und wird Glied für Glied immer länger durch jede einzelne Situation, in der die Hoffnung trägt. Und so wie eine längere Kette das Schiff besser hält, gibt mehr Vertrauen auf Gott mehr Hoffnung.
Jedes Schiff braucht einen Anker. Jede Seele braucht einen Ankerplatz. Ich habe meinen gefunden. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihren finden.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )
Ahoi und gute Reise wünscht Matthias Kleiböhmer aus Unna.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
