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Kirche in WDR 3 | 10.06.2026 | 07:50 Uhr
Kein Warteraum
Guten Morgen!
In der Bibel gibt es eine kurze Szene, die mich nicht loslässt. Jesus geht am See entlang und trifft zwei Männer: Simon Petrus und dessen Bruder Andreas. Die beiden sind Fischer und mitten bei der Arbeit. Sie werfen ihre Netze aus, tun einfach ihren Job. Da spricht Jesus sie an und sagt: „Kommt, folgt mir nach. Ich will euch zu Menschenfischern machen.“ Und dann passiert etwas, das fast ein bisschen verrückt klingt: Die beiden lassen ihre Netze liegen und gehen mit ihm.
Mich hat mal jemand gefragt: „Wenn es keinen Himmel gäbe - würdest du Jesus dann trotzdem nachfolgen?“ Diese Frage ist mir zuerst mal unangenehm. Sie rüttelt an einem Glauben, der mir von klein auf vermittelt worden ist.
Denn als Kind habe ich gelernt: Das Leben ist eine Art Warteraum. Setz dich hin, benimm dich, fass nichts an, mach keine Fehler. Und wenn du brav genug bist, dann bekommst du irgendwann das eigentliche, das ewige Leben. Hauptsache, du versaust es nicht unterwegs.
Aber ganz ehrlich: So ein Glaube macht mich nicht heiliger, er macht mich müde. Wenn ich mich ständig selbst kontrolliere. Wenn ich dauernd frage: Bin ich gut genug? Habe ich zu viel falsch gemacht? Bin ich nur eine falsche Entscheidung davon entfernt, alles zu vermasseln?
Dann setzt mich dieser Glaube ständig unter Druck. Er engt mich ein, statt mich freizumachen.
Und noch etwas passiert: Ich fange an, Jesus zu benutzen, statt ihm wirklich zu folgen. Ich nutze ihn, um Trost zu finden. Ich nutze ihn, um mit Schuldgefühlen klarzukommen. Ich nutze ihn als Versicherung für das Leben nach dem Tod. Hauptsache, am Ende kommt irgendwie alles gut raus. Aber wenn ich ehrlich bin: Damit bleibt im Grunde alles beim Alten. Ich bleibe, wie ich bin – nur mit religiöser Absicherung.
Auffällig ist: Jesus sagt nie „Nutze mich“. Er sagt: „Folge mir nach.“
Und dann sind wir wieder bei der Frage: Wenn es keinen Himmel gäbe – würde ich Jesus dann trotzdem nachfolgen? Einfach so – ohne irgendeinen Vorteil davon zu haben?
Mir gefällt die Vorstellung, dass Jesus Schuld vergibt; dass es im Glauben darum geht, ehrlich zu sein, barmherzig und liebevoll. Aber nicht, damit ich im Jenseits etwas davon habe. Sondern im Hier und Jetzt. So lohnt es sich zu leben, auch wenn es keinen Himmel gäbe.
Wenn Jesus vom Himmelreich spricht, sagt er nicht: Das kommt erst später, irgendwann mal. Er sagt: Es ist zum Greifen nah, mitten in deinem Alltag. Jesus bietet also keinen Fluchtplan aus diesem irdischen Leben an. Es geht um eine andere Art, dieses Leben zu leben.
Und diese Einladung ist an keine Bedingungen geknüpft. Es geht nicht darum, noch stärker zu glauben oder sich besser zu benehmen. Es geht nicht darum, sich erst auf Vordermann zu bringen, um dann auf den St. Nimmerleinstag zu warten.
Wie bei den Fischern am See geht es um etwas viel Einfacheres. Jesus sagt: „Komm mit!“
Vielleicht heißt das heute ganz schlicht: einen kleinen Schritt mehr Vergebung wagen, mehr Ehrlichkeit, mehr Barmherzigkeit – genau da, wo ich lebe.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )
Ihr Pfarrer Bernd Becker aus Bielefeld.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
