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Kirche in WDR 2 | 09.03.2026 | 05:55 Uhr
Keine Macht ohne Liebe
Heute ist wieder Montag, und weil heute Montag ist ist das Wochenende auch schon wieder vorbei. Tja. Und ich weiß nicht, was Sie machen, wenn ich gleich fertig bin. Und die Nachrichten kommen. Mir sagen jedenfalls in letzter Zeit viele Menschen: „Ich kann keine Nachrichten mehr hören. Bringt doch alles nichts. Und es zieht mich so runter.“ Auch enge Freundinnen und Freunde sagen mir das. Da ist viel Müdigkeit dabei.
Demokratien
wirken erschöpft. Debatten werden schrill, anstrengend und sinnlos in ihrem
Schwarz-Weiß-Denken. Kompromisse gelten neuerdings als Schwäche. Und auch um
mich herum fühlen sich viele Menschen klein gegenüber dem, was groß und
unübersichtlich geworden ist: Schon wieder ein Krieg im Nahen Osten. Über die
Klimakrise redet keiner mehr. Politisch wird es radikaler. Da muss ich nur auf
die gestrige Wahl in Baden-Württemberg schauen.
Und die Wirtschaft? Oh je… Erschöpfte Demokratien. Und erschöpfte Seelen.
Wir sind mitten in der Fastenzeit. Für Muslime ist schon nächste Woche Schluss. Für Christen dauerts etwas länger. Vierzig Tage, die auch an einen Erschöpfungsmoment erinnern: Sie hat mit der Geschichte von Jesus in der Wüste begonnen. Vierzig Tage und Nächte ohne Essen. Wenn ich mir das für mich überlege, dann denke ich: Unmöglich. Bestimmt würde sich auch bei mir eine Stimme im Kopf melden. Der große Einflüsterer. Wie bei Jesus. Und die Stimme flüstert: „Ich weiß, wie müde du bist. Du kannst das ändern! Siehst du die Steine? Wenn du willst, können die dein Brot werden.“ Oder: „Zeig deine Macht! Spring vom Tempel, dann wirst du fliegen und alle werden sehen, was für ein toller Typ du bist! Und alles Reiche und Schöne dieser Welt, alles gehört dir!“ Die „Deals“, die der Einflüsterer da einflüstert, sind die schnelle Lösung. Die spektakuläre Geste. Klar, geht’s um Macht. Aber der fehlt etwas Entscheidendes: Die Liebe.
Jesus lehnt ab. Er entscheidet sich gegen den großen Auftritt und für den langen Weg. Für so etwas Altmodisches und Schwieriges wie die Treue. Er bleibt bei dem, was ihn trägt: Vertrauen. Beziehung. Nähe zu den Menschen. Nähe zu Gott. Ich finde ja: das ist keine Weltflucht. Im Gegenteil. Es ist eine Art von Widerstand. Widerstand gegen die Logik: „Hauptsache durchsetzen.“ Widerstand gegen den Zynismus, der sagt: „Am Ende zählt nur das, was du hast und was du bist.“ Widerstand gegen die Versuchung, selbst hart zu werden, weil die Zeiten eben hart sind.
Vielleicht ist die Fastenzeit so etwas wie eine Schule des Aushaltens. Nicht alles sofort lösen. Nicht jede Schlagzeile kommentieren. Nicht jede Provokation erwidern. Unsere Gesellschaft lebt nicht nur von Mehrheiten. Sie lebt von Menschen, die innerlich nicht kündigen. Die Gesprächsräume offenhalten. Die widersprechen, ohne zu verachten. Die sich einsetzen, auch ohne Applaus. Christlicher Glaube ist keine spirituelle Fluchtkapsel aus einer komplizierten Welt. Nein: Mein Glaube traut mir vielmehr zu, in der Welt zu bleiben. Wach. Mitfühlend. Klar.
Jesus wählt in der Wüste die Macht, die es nur mit Liebe gibt. Und ich finde, Ostern kann schon heute beginnen. Nämlich genau da, wo Menschen ihre Seele nicht an Zorn oder Resignation verlieren. Nicht nur an diesem Montagmorgen.
