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Kirche in WDR 4 | 20.05.2026 | 08:55 Uhr
Lebensliege
„Nimm Deine Liege und geh umher!“ Als Theologin ringe ich regelmäßig mit Sätzen, die in der Bibel stehen. Mit diesem habe ich besonders lange gehadert. Jesus hat den gesagt. Er stammt aus einem Abschnitt, in dem von einem Teich in Jerusalem erzählt wird, Bethesda heißt der. Im Johannesevangelium wird beschrieben, dass diesem Teich damals besondere Heilkräfte zugesprochen wurden. Viele Kranke waren da, weil sie hofften, dass ihnen auch dieses Wunder passiert: Nämlich, dass von Zeit zu Zeit das Wasser in diesem Teich plötzlich aufwallt und dass, wenn man genau dann hineinsteigt, alle Krankheit von einem abfällt. An einem Tag trifft Jesus dort auf einen Mann, der ist schon lange krank. 38 Jahre heißt es. Damals ein ganzes Leben. Und Jesus fragt ihn: Willst du gesund werden? Die naheliegende Antwort wäre ein kräftiges „Ja sicher!“. Ich meine, dieser arme Mann liegt an diesem Teich, den alle nur aus diesem einen Grund aufsuchen, nämlich endlich all die Schmerzen, all die Einschränkungen loszuwerden. Endlich rechtzeitig ins Wasser kommen, das ist das eine große Ziel. Es kommt anders. Auf die Frage: Willst du gesund werden? fängt der Mann an zu klagen: Dass er keinen Menschen habe, der ihn ins Wasser tragen würde und er immer wieder von anderen überholt werde, wenn er versucht, sich aus eigener Kraft hineinzuschleppen. Sein Ziel jemals zu erreichen, erscheint ihm ausweglos. Und damit ist für ihn klar: Kein Kontakt mit dem aufwallenden Wasser, keine Heilung. Jesus geht gar nicht erst auf seine Klagen ein. „Steh auf, nimm deine Liege und geh umher!“ Mehr sagt er nicht. Und so kommt es. Nach 38 Jahren steht er auf seinen Füßen. Soweit wunderbar. Aber: Warum soll der arme Mann seine olle Liege mitschleppen? Vermutlich müffelte die inzwischen wie im Pumakäfig.
Und überhaupt: Warum sich mit etwas belasten, was er nicht mehr braucht? Diese Frage hat mich oft umgetrieben. Irgendwann kam mir der Gedanke: Diese Liege steht für mehr als nur für seine Krankheit, sein Warten-Müssen, sein Klagen über die ungerechten Umstände. Die Liege steht auch für die Erfahrung, dass es so anders kommen kann als bisher angenommen. Dass Gott auf krummen Zeilen gerade schreibt, wie man so sagt. Der Mann hat alles auf eine Karte gesetzt und die hieß: Endlich rechtzeitig in diesen Teich kommen, sonst wird das nie was! Und jetzt läuft er herum, mit komplett trockenen Füßen. Es gibt mehr Wege hin zum Guten, als ich gerade sehen kann. Dafür steht diese Liege. Wie viele solcher Liegen mag es geben? Geschichten von heilsamen Versöhnungen, von tiefer Liebe, von neuen Chancen die man sich nicht mal erträumt hätte? Ich glaube, es gibt etliche. In den unruhigen Zeiten, in denen wir leben, könnten wir die Geschichten gut brauchen. Weil sie Mut machen, mit dem unerwartet Guten zu rechnen. Mit Wegen, die wir noch gar nicht auf dem Schirm haben. Mit Gott, der oft so anders daherkommt als gedacht. Es gibt etliche Lebensliegengeschichten. Nur erzählen, müssen wir sie.
