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Kirche in WDR 5 | 08.04.2026 | 06:55 Uhr
Japanische Kirschblüte
Guten Morgen!
Eigentlich ist dieser Baum unspektakulär, ja ich würde sagen: langweilig anzuschauen. Dabei wächst er an prominenter Stelle in meinem Kloster in Duisburg-Hamborn: Er steht in einem alten romanischen Kreuzgang direkt neben einem Brunnen. Jeden Tag sehe ich ihn auf dem Weg in die Kirche zum Gebet. Fast das ganze Jahr über macht der Baum wenig her: Im Winter sieht man nur seinen graubraunen Stamm mit den Ästen und den vielen Zweigen. Und die sonstige Zeit im Jahr trägt er dunkelgrüne Blätter. Im Herbst verfärben die sich gerade einmal rot-gelb, dann fallen sie ab. Aber jetzt ist das alles ganz anders. Denn noch bevor die ersten richtigen Blätter treiben und wachsen, springen die unzähligen Blütenknospen auf: der ganze Baum – eine einzige rosafarbene Blütenwolke. Es handelt sich um eine japanische Kirsche. Sie zählt zu den Zierpflanzen und zeigt jetzt ihre Pracht: ein überschwängliches und verschwenderisches Blütenmeer. Die japanische Kirsche verzaubert unseren Kreuzgang – allerdings nur für wenige Tage. Dann ist der Blütenrausch auch schon wieder vorbei und der Baum wieder ganz unspektakulär. Und dann gilt es wieder ein ganzes Jahr zu warten, bis zum nächsten Blütenmeer. Für mich ist dieses Naturereignis auf den ersten Blick wie eine Geduldsübung und ein Ausdruck dafür, dass alles seine Zeit hat und auch seine Zeit braucht.
Und dann gibt es da noch den zweiten Blick. Diese Blütenpracht steht sowohl für geschenkten, lebendigen Überfluss als auch für Vergänglichkeit. Und das passt gut zu dem Ort, wo bei uns im Kloster die japanische Kirsche steht: im Kreuzgang. Denn der ist zugleich ein Friedhof. Hier sind meine verstorbenen Mitbrüder aus dem Kloster beerdigt und auch einige andere Priester und Diakone. Und ich selbst kann mir jetzt schon einen Platz aussuchen, wo ich einmal bestattet werden möchte. Vielleicht unter der japanischen Kirsche? Das hätte was: Denn die Vorstellung überschwänglicher Fülle trotz aller Vergänglichkeit, das wäre doch ein passendes Bild für ein Leben, das uns blüht nach dem Tod: Trotz aller Vergänglichkeit auferstehen zur Überfülle und Vollendung. Daran glauben viele Christen, so wie ich. Und darum feiern wir in dieser Woche Ostern: dass Jesus nach seinem Tod am Kreuz auferstanden ist von den Toten.
Übrigens: In Japan selbst wird die Kirschblüte besonders geschätzt und hat ähnliche symbolische Bedeutungen. Sie steht auch hier für Vergänglichkeit und gerade am Frühlingsanfang für Erneuerung und Leben. Sie soll die Menschen daran erinnern: Lebt und genießt das Leben, denn es ist kurz. In unserer Kultur würde man sagen: „carpe diem“, „pflücke den Tag“ – es könnte Dein letzter sein. Viele Japaner jedenfalls ziehen an den Tagen der Kirschbaumblüte ins Freie, setzen sich unter die prächtig blühenden Kirschbäume und machen dort ein Picknick mit Familie und Freunden. Sie feiern das Leben. Und vielleicht klappt es ja noch etwas davon mitzubekommen, in diesen Tagen – solange die Kirschbäume blühen. Viele Städte in Nordrhein-Westfalen werben jedenfalls damit und laden dazu ein ihre „Kirschblüten-Hotspots“ zu besuchen, wie zum Beispiel Bonn, Düsseldorf oder Bielefeld.
Von der japanischen Kirsche in Duisburg grüßt Sie Pater Philipp Reichling
