Beiträge auf: wdr3
Kirche in WDR 3 | 19.09.2026 | 07:50 Uhr
Zeit zu gehen
Guten Morgen.
„Weißt du,“ sagt sie. „Ich habe mich angestrengt: Hab geguckt, dass wir immer wieder ins Gespräch kommen. Dass wir die Konflikte lösen, aber es klappt einfach nicht. Trotz professioneller Unterstützung.“ Lara hat gekündigt. Müde von den ganzen Bemühungen. Entzaubert von ihren gescheiterten Versuchen. Es passt einfach nicht.
Oder Kai: „Wissen Sie, ich bin einfach so enttäuscht, wie sie mit mir umgeht“, sagt er. Er weiß, dass es besser wäre, sich von seiner Partnerin zu trennen. Aber: Noch hat er den Mut nicht.
Das kennen viele. Diese blöde Erkenntnis, dass eine Tür manchmal einfach zu ist.
Da bemühst du dich, aber es fruchtet einfach nicht. Wie ein Blumensame, der partout nicht aufgehen möchte. Das tut manchmal weh. Vor allem dann, wenn es einem wichtig ist: die Beziehung, der Beruf, der Verein.
„Wenn euch jemand nicht hört, so geht und schüttelt den Staub von euren Füßen.“ (Matthäus 10,14)
Das sagt Jesus einmal zu seinen Jüngern. Er erklärt ihnen gerade, wie sie das Evangelium in der Welt verkünden können – also die gute Nachricht von Gottes Liebe und seinen Geboten. Jesus meint: „Eure Aufgabe ist es, die Botschaft zu verkünden, aber ihr seid nicht verantwortlich dafür, wie andere Menschen darauf reagieren. Wenn sie euch nicht hören (wollen)– so geht aus diesem Haus oder dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen.“ Jesus sagt nicht: „Das sind schlechte Menschen, die euch nicht hören wollen.“ Oder: „Streng dich mehr an.“ Er sagt das eher wertneutral: „Wenn euch jemand nicht hört.“ Ohne Vorwurf. Ohne Schuldzuweisung. Eine realistische Analyse der Aufgabe und ihrer Wirkung.
So im Sinne von: „Das kann passieren. Das gehört dazu.“
„Geht und schüttelt den Staub von den Füßen.“ Für mich klingt das wie: „Lass dich nicht runterziehen, wenn du nicht gehört wirst, wenn du mit dem, was dir wichtig ist an der Arbeit oder in der Beziehung nicht durchdringst. Bleib nicht an diesem Ort oder bei diesem Menschen und mühe dich nicht bis in alle Ewigkeit ab, wenn die Perspektive schlecht ist. Verbeiße dich nicht, sondern erkenne deine Grenzen an. Setz dich in Bewegung und geh.“ Starke Worte.
Viele spüren die Kilos an Staub auf ihren Schultern nach Monaten oder Jahren, in denen sie sich angestrengt haben, Probleme anzugehen. „Manchmal fühle ich mich selbst schon so, als hätte ich Staub angesetzt“, sagt Lara.
Ich stelle mir vor, wie Kai und Lara diesen Satz von Jesus hören und sagen: „So. Und jetzt schüttele ich den Staub von meinen Schultern und Füßen und gehe. Es wird bestimmt nicht das letzte Mal sein.“ Lara ist den Schritt schon gegangen, Kai zögert noch.
Wie weise von Jesus, uns daran zu erinnern, dass nicht alles gelingt. Dass ich Grenzen habe, auch wenn ich alles versuche. Dass es in Ordnung ist zu gehen, wenn ich nicht gehört oder gesehen werde. Dass ich das Angestaubte von mir werfen und nach vorne schauen kann. Dass es auch anders weitergehen kann.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )
Herzliche Grüße aus Köln
Ihre Inga Waschke.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
