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Kirche in WDR 3 | 03.02.2026 | 07:50 Uhr
Möglichkeiten
Guten Morgen.
Langsam schlurft sie zum Waschbecken und füllt die kleine Gießkanne. Am Geländer vor dem bodentiefen Fenster hängt ihre Geranie in einem schönen rosafarbenen Topf. Charlotte ist 83 und die Knochen wollen nicht mehr so wie sie. Seit ein paar Monaten ist sie jetzt in einem Altenpflegeheim. Viele sind hier wie sie schon über 80. Der Alltag hat einen Rhythmus, ja. Aber irgendwas fehlt. Manchmal will sie gar nicht aufstehen morgens. Da kommt ihre Freundin auf die Idee, ihr eine schöne Geranie zu schenken. Jetzt hat sie wieder was, worum sie sich kümmern kann. Sie zupft die vertrockneten Blätter ab, düngt ab und zu, gießt und schaut ihrer Pflanze beim Blühen und Wachsen zu.
Und noch etwas macht Charlotte Freude. Sie liebt es, dass sie jeden Tag sagen kann, wo sie Mittag essen oder ihren Nachmittagskaffee trinken möchte – auf der Terrasse, im Gemeinschaftsraum, auf dem Zimmer.
Charlotte entscheidet sich mal fürs Zimmer und mal für die Terrasse. Vor allem, wenn Frau Müller draußen sitzt. Die mag sie gern. Mit der kann sie sich gut unterhalten.
Mich kümmern können und die Wahl haben. Das macht viel aus.
Mich kümmern und mich entscheiden können, Möglichkeiten haben – das ist ganz wichtig, wenn der Lebensrahmen kleiner und manchmal eng wird.
Hier zähle ich. Hier reagiere ich auf Menschen und Dinge. Da passiert was. Und wenn es noch so eine kleine Sache zu sein scheint. In ihr liegt Großes.
Ich vergesse das ganz oft in meinem Alltag. Gott hat mir so viele Möglichkeiten geschenkt und auch Kraft.
Manchmal erdrückt mich das. Ich denke: Puh, schon wieder muss ich wählen. Schon wieder muss ich mich kümmern. Hoffentlich entscheide ich mich richtig. Hoffentlich schaff ich alles und behalte alle gut im Blick.
Ganz oft schaue ich dabei auf das, was mir nicht gelingt. Seltener auf das, was klappt.
Dann setze ich mir zu große Ziele, unerreichbar – statt mir kleinere Etappenziele zu setzen. Und wenn es nur ein klitzekleines ist. Aufstehen. Einen Tee kochen. Eine Blume gießen. Für manche kann das ein Riesenerfolg sein, das tun zu können. Nur dieses eine Bücherregal aufräumen. Nur die eine Küchenschublade, diesen einen Ordner auf dem PC. Den einen Brief schreiben.
Ich danke Gott für alle Möglichkeiten, die ich habe. Im Handeln und im Denken und im Fühlen. Für mein leise gesummtes Lied aus dem Krankenhausbett – es kann mich selbst und die, die es hören, froh machen. Diese eine schöne Erinnerung, dieses eine schöne Gedicht, das ich so liebe – helfen mir vielleicht, mich ein bisschen besser zu fühlen, wenn ich das Haus oder Bett hüten muss.
Viele Menschen, die im Alter nicht mehr lesen und nicht mehr gut hören konnten, erzählen, wie wichtig dann diese inneren Schätze sind – Lieder, Gedichte, Erinnerungen. Und die, die sich nicht mehr erinnern können – sie finden Freude in unzähligen anderen Dingen. Je nach Mensch ist es etwas anderes.
Danke, Gott, für alles, was möglich ist. Danke, Gott, wenn wir einander immer wieder daran erinnern: Ich kann entscheiden: Für Momente, in denen ich mich gut fühle. Im Rahmen der Möglichkeiten, die mir jetzt und hier gegeben sind. Das ist Leben. Es trotzt allem in Liedern, in Gedichten, mit der Gießkanne in der Hand und dem Kaffee auf der Terrasse – in Büros und in Fabriken, in Kindergärten und Krankenhäusern, in Friseursalons und Nagelstudios, in Unis und Bahnhöfen, auf Baustellen und im Supermarkt. Wo auch immer. Trotz allem. Möglichkeiten!
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )
Es grüßt Sie, Petra Schulze, Rundfunkpfarrerin in Düsseldorf.
