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Kirche in WDR 4 | 08.06.2026 | 08:55 Uhr
Selbst Schuld?
Guten Morgen!
Wenn etwas Schreckliches passiert, haben Menschen den Reflex, es erklären zu wollen. Warum ist das passiert? Wer hat es verursacht? Wer ist schuld? In der Geschichte der Menschheit hatte das oft böse Folgen. Es braucht wohl Sündenböcke.
Und das sind dann wahlweise vermeintliche Hexen oder die Juden oder die Schwulen oder oder… Während der Covid-Pandemie meinten manche Fundamentalisten sogar, Gott hätte Corona als Plage für bestimmte Bevölkerungsgruppen geschickt.
Das war bei Jesus vor 2.000 Jahren nicht anders. Jesus und seine Jünger - also seine Anhänger – sind unterwegs. Da sehen sie einen Mann, der ist von Geburt an blind. Und die Jünger fragen Jesus: „Rabbi, wer hat gesündigt, dieser Mann oder seine Eltern?“
Sie gehen davon aus, dass Leid eine moralische Erklärung haben muss. Eine Strafe für irgendetwas. Einer muss gesündigt haben – er oder seine Eltern. Irgendeiner muss die Schuld dafür tragen. Und da wird das Problem mit der Schuldzuweisung deutlich: Sie trifft fast immer die, die sowieso schon am Boden sind. Die Außenseiter zum Beispiel – wie den blinden Mann.
Eine körperliche oder geistige Einschränkung führte damals, als Jesus gelebt hat, oft in Armut und damit verbunden auch an den Rand der Gesellschaft. Manche Kranke wurden regelrecht ausgegrenzt. Schuldzuweisungen aller Zeiten treffen oft die Minderheiten oder die Menschen, die ohnehin schon am wenigsten Macht haben.
Und genau das geschieht auch in dieser Geschichte von dem blinden Mann. Jesus lehnt diese Logik ab. Er antwortet schlicht: „Weder dieser Mann noch seine Eltern haben gesündigt.“ Denn Jesus weiß: Wer nach einem Grund für das Leid sucht, verliert oft das Mitgefühl. Anstatt Menschen zu helfen, die leiden, wird dann erklärt, warum sie es vielleicht sogar verdienen.
Das kann schon im Kleinen beginnen. „Kein Wunder, dass Du einen Herzinfarkt hast, Du nimmst dir ja alles so zu Herzen.“ Oder: „Wer sich immer so stresst, muss ja ein Magengeschwür bekommen.“ In meiner Heimat hat man früher selbst Krebskranken manchmal die Schuld für ihre Erkrankung gegeben - weil sie nicht richtig an Gott glauben würden.
Jesus jedenfalls will von all dem nichts wissen. Er weigert sich, eine Erklärung für das Leiden des Mannes zu finden. Stattdessen kniet er sich hin, formt etwas Lehm, streicht ihn dem Mann auf die Augen und heilt ihn. Das zeigt mir: Gottes Antwort auf das Leiden ist nicht Schuldzuweisung.
Er fragt nicht: „Wer hat gesündigt?“, sondern bringt Licht in die Dunkelheit. Und vielleicht ist das ja auch meine Aufgabe: Nicht zu erklären, was gar nicht zu erklären ist. Sondern das zu tun, was Jesus tut: hinschauen, helfen und ein wenig Licht in das Leben eines anderen bringen.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )
Dass Ihnen das auch gelingt, wünscht Ihnen
Ihr Pfarrer Bernd Becker aus Bielefeld.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
