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Kirche in WDR 4 | 29.07.2026 | 08:55 Uhr
Gott und seine Augen
„Wie geht das, dass Gott alle sieht? Der hat doch auch nur zwei Augen!“ Ich sitze mit meiner Großnichte im Auto. Gerade ging es noch um ein schönes Kleid für die Einschulung, denn deshalb sind wir unterwegs. Und dann kommt ein steiler Themenwechsel, wie ihn eigentlich nur Kinder hinkriegen. Freya, sechs Jahre, möchte wissen, wie das funktioniert mit Gott und den Menschen. Ich erkläre ihr, dass ich denke, dass Gott nicht aussieht wie wir. Dass ich nicht mal weiß, ob er sowas hat wie Augen. Und dass ich glaube, dass Gott mit jedem Menschen und jedem Lebewesen verbunden ist. Aber wie er das macht und wie er aussieht, das weiß niemand. Es hat ihn ja noch keiner gesehen. Freya legt nach: „Und weil er jeden sieht, hilft er jedem?“ „Ja, ich glaube schon. Nicht immer auf die Weise, wie wir uns das vorstellen aber er hilft.“ „Und Engel?“ fragt sie weiter. „Gibt es Engel wirklich und wie sehen die aus?“ Und wieder kann ich nur sagen, dass ich glaube, dass es Engel gibt, ich aber genau wie alle anderen Menschen nicht weiß, wie sie wirklich aussehen. Freya legt noch einmal nach: „Aber dann könnte es ja auch Feen geben. Die hat auch noch keiner gesehen.“ Und da kann ich nur zustimmen. Ich erzähle ihr, dass es viele Menschen gibt, die glauben, dass es sowas wie Feen oder Trolle gibt. Und dass ich mich noch nicht wirklich damit beschäftigt habe.
Nun sind wir auf dem Parkplatz des Kaufhauses angekommen. Und die Idee vom pinken Kleid mit Glitzereinhorn vorne drauf ist ihr für den Moment wieder wichtiger als die großen Fragen nach Gott und dem Glauben.
Mir geht das Gespräch nun seit Wochen nach. Weil ich Freyas Fragen irgendwie nicht zufriedenstellend beantworten konnte. Immer wieder hatte ich auf den Glauben verwiesen. Keine Beweise in Sicht. Glauben und Wissen sind halt zwei Paar Schuhe. Und die auseinanderzuhalten ist eine lebenslange Aufgabe für religiöse Menschen. Und auch, dennoch Gewissheiten für den eignen Glauben zu entwickeln.
Und Gewissheiten für meinen Glauben habe ich natürlich welche. Aber ob die der Prüfung einer schlauen sechsjährigen Stand halten? Das fängt bei der unfassbaren Schönheit der Natur an. Ich kann nicht anders, als die Natur – und mich als Teil davon – als Schöpfung zu verstehen und zu erfahren. Als gewollt.
Und dann die verrückte Tatsache, dass wir noch immer von diesem Jesus sprechen. Überall auf der Welt erzählen Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten und Charakterzügen von ihm. Glauben an ihn. Ohne ihn je gesehen zu haben – mit ihren zwei Augen. Wäre die Geschichte dieses Rabbis aus Nazareth nicht längst vergessen, wenn sie nicht so viele so unterschiedliche Menschen über die Jahrhunderte im Tiefsten ergriffen hätte, so sehr wie keine andere?
Ich muss mal Freya fragen, ob sie das auch so sieht. Aber vielleicht warte ich noch ein paar Jahre – bis dahin sollte ich mal mein Wissen über Feen und Einhörner erweitern.
