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Kirche in WDR 3 | 12.10.2026 | 07:50 Uhr
Istanbul
Guten Morgen,
Klaus Gruber packt seine Tasche aus. Die Arbeitsklamotten, den guten Anzug, das Päckchen Kaffee, das ihm seine Frau noch zugesteckt hat, bevor er in den Bus gestiegen ist, und natürlich das Foto mit ihr und der kleinen Tochter, gerade erst geboren. Hier, in dem kleinen Zimmer, das er sich mit einem Arbeitskollegen teilt, wird er die nächsten Jahre zubringen. So schwer der Abschied von seiner Frau und der Kleinen war. Er darf gar nicht dran denken. Es hilft ja nichts. Es gibt keine Arbeit mehr in Essen. Wie gut, dass die Türkei Deutschland um Hilfe gebeten hat und Arbeitskräfte braucht, die als Gastarbeiter helfen, das Land wieder aufzubauen. Da können er und seine Kumpels Geld verdienen und es nach Deutschland schicken, um die wirtschaftliche Not dort zu lindern. Aus seinem Stadtteil in Essen haben sich fast alle aufgemacht. So ist er hier in Istanbul gelandet.
Von Klaus Gruber und seinen Kumpels handelt das Stück „Istanbul“ vom Schauspiel Essen. Der Inhalt ein Perspektivwechsel: Wie wäre es gewesen, wenn es in den 1950-er Jahren andersherum gewesen wäre. Wenn nicht türkische Gastarbeiter nach Deutschland gekommen wären, sondern deutsche Arbeiter in die Türkei gegangen wären, um das Land dort aufzubauen, und sich dort hätten zurechtfinden müssen. Wie wäre es ihnen damit gegangen, nach vielen Jahren doch nicht wie ursprünglich gedacht wieder zurück gehen zu können. Vielleicht irgendwann nach vielen Jahren die Frau nachholen zu können, aber nicht die kleine Tochter, die dann alleine bei Verwandten zurückbleiben muss und unzählige Geburtstage ohne Mama und Papa erleben wird. Wie wären sie mit der Sehnsucht umgegangen, irgendwann im Alter in das Haus in Essen zurückkehren zu können, das sie sich erspart haben. Um dann am Ende doch nicht mehr sicher zu sein: Bleiben wir hier, in der Türkei, wo wir jetzt so lange leben oder gehen wir zurück nach Deutschland.
Als Klaus Gruber in Istanbul stirbt, entbrennt ein Streit in der Familie darüber, wo er begraben werden soll. Die Familie ist hin- und hergerissen zwischen zwei Welten.
Faszinierend, die Dinge mal so umzudrehen. Mich mal hineinzuversetzen in das Schicksal einer Gastarbeiterfamilie. Dann diskutiert man anders darüber, ob es mehr Raum für muslimische Bestattungen auf unseren Friedhöfen geben soll oder warum Jugendliche der nachfolgenden Generationen sich in zwei Welten zuhause fühlen. Und vor allem schmerzen einen alle Arten von Fremdenfeindlichkeit in Worten oder Taten in unserem Land noch mal mehr. „Unterdrückt nicht die Fremden, die in eurem Land leben, sondern behandelt sie genau wie euresgleichen. Jeder von euch soll seinen fremden Mitbürger lieben wie sich selbst. Denkt daran, dass auch ihr in Ägypten Fremde gewesen seid.“, steht in der Bibel. (3. Mose 19,33-34 Die Gute Nachricht, Göttingen 1982)
Und dazu versetzt euch einfach mal in Leute aus einer anderen Lebenswelt: Frag doch mal nach: Wie ist das für euch gewesen? Wie ist das für dich heute? Oder geh ins Theater. „Istanbul“ läuft übrigens immer mal wieder in Essen und in anderen Städten. Es lohnt sich!
Ihnen einen gesegneten Tag!
Ihre Barbara Schwahn, Krefeld
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
