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Kirche in WDR 5 | 06.11.2026 | 06:55 Uhr
Selig die, mit Kaffee auf dem Pullover
Einen guten Freitagmorgen wünsche ich Ihnen. Ich musste neulich für eine Fortbildung nach Köln. KVB Straßenbahnlinie 7 Richtung Benzelrath. Es ist kurz vor 9, ich steige am Neumarkt ein. Viele Sitzplätze sind um diese Uhrzeit frei. Am Rudolfplatz steigt eine alte Dame zu. Sie hat einen Kaffeebecher in der Hand und will sich auf den nächsten Platz setzen. Da fährt die Bahn an und es passiert, was passieren muss: Sie kommt ins wanken. Zum Glück fängt ein junger Mann sie auf. Nichts passiert. Gott sei Dank! Naja – so ganz nichts passiert stimmt nicht, denn ihr Kaffee ist in einer großen Welle aus dem Becher geschwappt. Zum einen auf einen freien Sitz. Nicht so schlimm bei einer Plastiksitzschale. Die ist mit einigen Taschentüchern schnell wieder trocken. Zum anderen hat es aber auch den jungen Mann und seinen weißen Pullover erwischt. Oha – was passiert nun? Ich überlege kurz, wie ich jetzt reagiert hätte. Ich bin kein Typ für großes Geschrei. Aber ich wäre innerlich sicherlich irgendwie ärgerlich gewesen. Den ganzen Tag jetzt mit dem nassen, fleckigen Pullover rumlaufen. Hoffentlich bekomme ich den Fleck überhaupt wieder raus, wenn der einmal eingetrocknet ist. Musste die jetzt ausgerechnet mit ihrem Kaffee in dieser Bahn fahren? Warum immer ich? Ich wollte helfen und bin jetzt der Blöde. Ich glaube, ich wäre zu einer ganzen Reihe von nicht so guten Emotionen fähig gewesen.
Die Frau kommt auf dem Platz dem Mann gegenüber zum sitzen. Sie schaut ihn an – ängstlich, auf jeden Fall um Entschuldigung bittend. „Tut mir Leid“, sagt sie leise und gebrochen. „Alles ok“, antwortet er freundlich. „Bei ihnen auch? Ist ja nochmal gut gegangen.“ Sie umklammert den Becher. Atmet durch.
Es sind diese kleinen Szenen des Alltags, die mich bewegen. Wie selbstverständlich und unaufgeregt der junge Mann die ältere Frau durch diese unangenehme Szene regelrecht getragen hat… das fand ich bemerkenswert. Als ich später darüber nachdenke, kommt mir die Bergpredigt in den Kopf. Diese zentrale, radikale Verhaltensrichtschnur für das Zusammenleben, die Jesus im Matthäus-Evangelium predigt. „Selig sind die Sanftmütigen; sie werden das Land erben.“, heißt es da. Und: „Selig die Barmherzigen; sie werden Erbarmen finden. Selig, die Friedfertigen; sie werden Kinder Gottes genannt werden.“ Und wenige Verse später: „Ihr seid das Licht der Welt. Euer Licht soll vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ Und ich ergänze: Und sich ein Beispiel an euch nehmen.
Wie oft passiert mir das, dass ich bei mir denke: Was ist das denn für ein Trottel? Was läuft bei der denn schief? Und: Wie kann man nur so blöd sein?
Wie gesagt: Ich bin kein Typ für großes Geschrei. Aber ich kann mich auch nicht davon frei machen, dass ich über Menschen urteile – und das nicht immer gut. Dass ich die Fehler von anderen nicht übergehe, sondern breit trete. Dass ich nur daran denke, was ich in dieser Situation erleide – und nicht den Schmerz, die Angst, die Trauer, die Gefühle des anderen spüre.
An dem jungen Mann in Linie 7 habe ich gesehen, was Jesus meinte. Vielleicht auch, was er mir damit an diesem Morgen sagen wollte: Dass die selig sind, die einen Kaffeefleck auf dem Pullover ertragen, weil sie ganz selbstverständlich einer alten Frau in der Bahn geholfen haben. So einfach ist das manchmal.
Ich bin Martin Kürble und wünsche Ihnen wieder zurück in Düsseldorf für diesen Wochenabschluss ein wirklich seliges miteinander unterwegs sein und eine gute Zeit.
