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Das Geistliche Wort | 12.07.2026 | 08:40 Uhr
Wege der Erinnerung
40 Jahre hatten wir uns nicht gesehen. Meine Studienfreundin aus Freiburg und ich. Wir hatten uns irgendwie aus den Augen verloren. Und dann hat sie mich aus heiterem Himmel angerufen. Ich habe mich sehr gefreut, und wenig später haben wir uns wiedergesehen. Was soll ich sagen: die Erinnerungen sprudelten nur so. Gemeinsame Vorlesungen, Wochenenden im Schwarzwald, tiefgreifende Gespräche. Wir schwelgten in Erinnerungen. Als ich wieder zu Hause war, beschlich mich das Gefühl: Haben wir nicht manches verklärt, vergessen, verdrängt? Kann ich den Erinnerungen trauen? Mein Name ist Birgitt Schippers, freie Kulturjournalistin, Autorin und Theologin – und ich mache mir Gedanken über den Wert und die Bedeutung von Erinnerungen, aus denen ich meine eigene Identität schöpfe. Guten Morgen!
Musik 1: Cat Stevens, Remember the days of the old schoolyard
Es gibt viele Wege, wie Erinnerungen gegenwärtig werden. Ein unmittelbarer Erinnerungsschub wird zum Beispiel durch unsere fünf Sinne aktiviert. Der Geruch von Laugenbrezeln aus einer Bäckerei lässt in mir die Erinnerung an Kindheitstage bei meiner Patentante in Freiburg aufleben. Die Klänge einer Mahlersinfonie erinnern mich an meinen großen Liebeskummer in Studienzeiten. Ein längerer Blick in alte Fotoalben mit Familienfotos führt mir längst vergessene Erlebnisse vor Augen. Und da gibt es manche Überraschung – so erinnerte ich mich plötzlich, wie liebevoll mein Vater mich bei einer Bergwanderung an die Hand genommen hatte. Er war ein sehr zurückhaltender Mann, der nicht gut Gefühle zeigen konnte, wie viele seiner Generation. Was ein einziges Foto alles auslösen kann!
Und das kann bei unterschiedlichen Menschen ganz verschieden sein. So verbindet jedes Familienmitglied zum Beispiel mit einem Urlaubsfoto ganz andere Erlebnisse. Während sich die Schwester daran erinnert, dass sie an dem schönen Sommertag Zoff mit ihrer besten Freundin hatte, erzählt der Bruder mit Begeisterung, dass er an demselben Tag Fahrradfahren gelernt hat. Erinnerungen sind sehr selektiv und individuell. Und es lässt sich bei einem Blick ins Fotoalbum oft feststellen: die Vergangenheit wird gerne verklärt. Doch das gelingt nicht immer.
Musik 2: Edward Christopher Sheeran, Johnny McDaid, Photograph
Es gibt Erinnerungen, die Menschen lieber für sich behalten – vielleicht aus Scham oder aus Angst. Ich denke da zum Beispiel an Biographien, in denen sich die Nachfahren mit der Nazi- und Kriegsvergangenheit ihrer Eltern und Großeltern auseinandergesetzt haben, eine Vergangenheit, über die nicht gesprochen wurde. Tief beeindruckt hat mich das biographisch inspirierte Solo-Theaterstück „The Silence“ von Falk Richter an der Berliner Schaubühne. Falk Richter konfrontiert darin seine Mutter mit Fragen zu Erlebnissen von Gewalt, Flucht und Kriegsgräuel, die in der Familie nie zur Sprache kamen. Er erfährt, dass es für seine Mutter nicht mehr als eine Zeit des Durchhaltens war – ihr Lebensmotto: Augen zu und durch. Auch nach dem Krieg wurde geschwiegen. Was der Moral der bürgerlichen Welt nicht entsprach, wurde gerne unter den Teppich gekehrt. Für Falk Richter waren diese unterdrückten Familienerinnerungen traumatisch: die Tabus der Familie prägten und verfolgten ihn auch noch, als er erwachsen war. Und er hat sich gefragt: Kann ich den Erzählungen der anderen überhaupt noch trauen, wenn so viel tabuisiert und verschwiegen wird? Und: was ist dran an meinen eigenen, persönlichen Erinnerungen?
Zum ersten Mal wurde ich mit diesem Problem konfrontiert, als ich mit einer guten Freundin bei einem Elterntreffen im Kindergarten ins Gespräch kam. Das ist jetzt über dreißig Jahre her. Sie war eine studierte Psychologin und hatte eine Ausbildung in Hypnose. Sie erzählte mir von dem Fall einer vierzigjährigen Frau. Die Klientin hatte Panikattacken, die sie sich nicht erklären konnte. Denn: Sie war glücklich verheiratet, hatte zwei wunderbare Kinder und keine finanziellen Sorgen. Doch im Laufe einer Hypnosesitzung kam heraus, dass ihr Vater sie als Kind bis zur Pubertät fast täglich vergewaltigt hatte. Daran hatte sie bislang keinerlei Erinnerung gehabt. Und selbst ihre Mutter schien nichts davon mitbekommen zu haben. Mich hat das damals wirklich schockiert, dass so ein massives Erlebnis einfach vergessen werden kann. Die Psychologie nennt dieses Phänomen „dissoziative Amnesie“. Das Gehirn blockt dabei den Zugriff auf Erinnerungen, um den Betroffenen vor überwältigendem Stress und Schmerz zu schützen. Oder, wie es mir die Psychologin erklärt hat: wir erinnern nur das, was wir emotional aushalten können. Und ich habe mich gefragt, was auch noch in mir alles so schlummert, verdrängt ist, um mich zu schützen? Überhaupt, will ich das wirklich alles wissen?
Musik 3: Robert "Dr. Robert" Howard, I can’t remember the last time I cried
Was ich erinnere, prägt mein Selbstbild. Und darin liegt auch ein großes Potenzial der Selbsttäuschung. Für dieses Thema wurde ich durch den berührenden Roman „Sonnenaufgang Nr. 5“ von Carsten Henn sensibilisiert. Eine exzentrische, alternde Filmdiva schreibt ihre spontanen Erinnerungen stichwortartig auf Zettel und verteilt sie überall in ihrem Haus am Meer. Sie pinnt sie an Möbel oder versteckt sie unter anderem in Büchern, damit ihre Erinnerungen nicht verloren gehen. Um nicht in Vergessenheit zu geraten, erteilt sie einem jungen Ghostwriter den Auftrag, anhand dieser Erinnerungszettel ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Sie führen auch lange Gespräche. Im Laufe des Romans stellt er fest, dass die sogenannten Erinnerungen nicht der Wirklichkeit entsprechen. An einer Stelle heißt es in seinem Roman:
„In ihren Geschichten legte sie dick Lack darüber, damit es lückenlos glänzte. Wenn es Lügen waren, dann solche, die sie sich so oft selbst erzählt hatte, bis sie zu ihrer Wahrheit wurden“.
Der Wunsch ist nachvollziehbar. Das eigene Leben soll im besten Licht dastehen. Aber dieser allzumenschliche Wunsch betrifft nicht nur Menschen, die in der Glitzer-Glamourwelt im Rampenlicht stehen, wie diese Filmdiva im Roman. Die Versuchung, mit KI-generierten Bildern das eigene Selbstbild zu optimieren, ist aktuell groß. Menschen inszenieren sich in kurzen Clips als makellose Schönheiten in paradiesischer Umgebung, die die schnöde Wirklichkeit überstrahlt. Das reale Leben verdrängen sie als unbedeutsam. Wer kann sich dem entziehen? Das fängt beim Bewerbungsfoto an und endet mit gefakten Urlaubsbildern. Und ich frage auch mich: Belüge ich mich selbst, weil ich aus meinem Leben ein Narrativ bastele, das mir angenehmer erscheint als die reale Wirklichkeit? Und ich möchte da noch weitergehen: Dürfen im Leben unspektakuläre Normalitäten, Schwächen, ja sogar schuldhaftes Versagen, keinen Platz mehr haben? Ich nehme mich da nicht aus. Denn auch ich möchte ja anerkannt, bewundert werden und vor mir selbst bestehen können. Ich finde es also gut, eigene Erinnerungen zu hinterfragen, wenn es um die Selbstdarstellung geht.
Musik 4: Stephen Fretwell, Remember
Auf der einen Seite gibt es persönliche Erinnerungen. Auf der anderen Seite spielt auch das sogenannte kollektive Gedächtnis eine wichtige Rolle in der Erinnerungskultur. Sie sind verbunden mit Gedenktagen wie dem Tag der Deutschen Einheit oder das Ende des Zweiten Weltkriegs. Meist sind diese mit besonderen Gedenkfeiern verbunden. Bei einer Gedenkfeier für die Opfer des NS-Konzentrationslagers Buchenwald war der Schauspieler und Entertainer Hape Kerkeling als Gastredner eingeladen. Er warnte vor dem politischen „Wegsehen“ und sagte in seiner Rede:
„Wer heute wegschaut oder jenen applaudiert, die die Geschichte umschreiben wollen, der macht sich mitschuldig".
Hape Kerkeling macht unmissverständlich klar: Auch mit Blick auf das kollektive Gedächtnis besteht die Gefahr, historische Realitäten auszublenden und sie zu verfälschen, um zum Beispiel eine ideologisch aufgeladene nationale Identität heraufzubeschwören. Gerade heute, wo die Welt immer unübersichtlicher erscheint, sich in verwirrende Einzelteile aufzulösen scheint, ist dieses trügerische Angebot der Realitätsverfälschung sehr verführerisch. Ich weiß, es ist nicht immer einfach, sich der eigenen Geschichte zu stellen. Doch ich kann aus ihr lernen. Lena Carlebach, Präsidentin des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora, weist darauf hin, dass Erinnern auch heißt zu verstehen. Zu verstehen, wie Menschen zu Tätern wurden und wie Menschen zu Verfolgten gemacht wurden. Erinnern kann also auch helfen, aus Fehlern zu lernen und die Welt besser zu machen. In dem Wort Er-innern steckt ja auch – mich innerlich zu öffnen.
Musik 5: Adam Baldych, I remember (Adam Baldych Quintet; Paolo Fresu)
Erinnern, ins Innere gehen, Innehalten. Dieser Prozess setzt voraus: Ich muss bereit sein, mich zu öffnen für das, was war, und was mich zutiefst prägt. Auch in der Bibel ist das „Erinnern“ ein zentrales Motiv. Das Neue Testament ist voller Geschichten, die an Jesus und sein Wirken erinnern. Die ersten Christen haben ihre Erlebnisse und geistlichen Erfahrungen zunächst mündlich weitergegeben. Dann wurden sie nach und nach aufgeschrieben. Generationen von Theologen versuchen bis heute, diese so unterschiedlich geformten Erinnerungen zu verstehen, einzuordnen und zu deuten. Und auch hier stellt sich mir die Frage: Kann man ihnen trauen?
Zunächst einmal ist es nicht von der Hand zu weisen: Die über Jahrhunderte niedergeschriebenen biblischen Texte hatten und haben für viele Menschen einen besonderen Wert. Denn die Texte haben Identität und damit auch Gemeinschaft gestiftet. Ihre Bedeutung war und ist so groß, dass Menschen für die biblische Botschaft sogar ihr Leben eingesetzt haben. Denn für sie haben die Erinnerungen an das Wirken Jesu eine allem übergeordnete geistliche Dimension. Ich erkläre mir das so: Die Erinnerung an Jesu Reden und Wirken ist mit dem Glauben an seine Gegenwart verbunden. Er, Gottes Sohn, ist in jedem Menschen gegenwärtig, eben innerlich, erinnerlich. Indem ich innehalte, mir die Präsenz Gottes ins Bewusstsein rufe und mich ihr öffne, weitet sich mein Bewusstsein. Und das hat zur Folge: meine eigenen Erinnerungen werden in einen größeren Zusammenhang gestellt und verwandeln mich. Die biblischen Erinnerungen, die ich lese, entwickeln eine Eigendynamik, die meine Sicht auf mich und die Welt verändern. Ich erinnere nicht einfach die Vergangenheit als abgeschlossenes Geschehen, sondern fühle, dass daraus etwas Neues geschehen kann. Der niederländische Theologe, Priester und Psychologe Henri Nouwen, der vor dreißig Jahren verstorben ist, spricht in seinem gleichnamigen Buch „von der geistlichen Kraft der Erinnerung“. Es geht ihm darum, dass aus einem kreativen Erinnern die Möglichkeit entsteht, sowohl das eigene Leben als auch die Welt zu gestalten. Voraussetzung dafür ist: ich muss mich diesem Geist Gottes in mir öffnen.
Es berührt mich, dass Christinnen und Christen sich durch die Jahrhunderte hindurch der geistlichen Präsenz Gottes geöffnet und an sein Wirken in ihnen zum Wohle der Menschen geglaubt haben. Bis heute bilden sie eine Gemeinschaft, die aus und mit gemeinsamen Traditionen und Erinnerungen lebt und aus ihnen Halt und Kraft schöpft. Ich glaube, Menschen suchen heute einen Weg heraus aus einer durch Individualisierung geprägten Welt, die einsam macht. Was ihnen fehlt ist doch eine Vision von Gemeinschaft, die versöhnt, Identität stiftet und Halt gibt. Wie wäre es also, sich in einer Gemeinschaft, ob sie nun christlich motiviert ist oder nicht, zu engagieren? Ich stelle es mir beglückend vor, sich gemeinsam für ein Ziel und für ein stärkeres Miteinander einzusetzen, das getragen wird von gemeinsamen Erinnerungen und Traditionen. Nicht, um der vermeintlich schönen Vergangenheit zu huldigen und sie zu feiern, sondern im ehrlichen Umgang mit dem Vergangenen Neues zu wagen. Ganz ohne Scheu, auch etwas zu verändern.
Es ist gut, dass Gott schon da ist, in der Erinnerung, in der Gegenwart und auch in der Zukunft.
Musik 6: Van Morrison, Remembering now
Ich wünsche Ihnen Zuversicht und Mut, um mit unverstelltem Blick auf das, was war, die Zukunft zu gestalten.
Es grüßt Sie aus Köln - Birgitt Schippers
Verwendete Literatur: „Sonnenaufgang Nr. 5“ von Carsten Henn, Piper Verlag; Artikel „Gedächtnis / Erinnerung“ von Sandra Huebenthal https://bibelwissenschaft.de/stichwort/48895/ Sr. Philippa Rath OSB, Von der geistlichen Kraft der Erinnerung https://abtei-st-hildegard.de/Von-der-geistlichen-kraft-der-erinnerung
