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Kirche in WDR 4 | 09.05.2026 | 08:55 Uhr
Kinoverkündigung
Hanne und Bernd sind seit vielen Jahren schon verheiratet und führen eine routinierte Ehe auf dem Land. Dann steht auf einmal Kurt vor der Tür. So fängt Film „Der verlorene Mann“ an. Seit dieser Woche läuft er im Kino.
„Hanne, wer ist das? - Das ist Kurt. Kurt, mein Ex-Mann. Er denkt, dass wir noch beide verheiratet sind.“
Kurt hat Alzheimer – die Trennung und Scheidung von Hanne gibt es für ihn nicht. Auch, wenn das schon zwanzig Jahre her ist und die beiden in dieser Zeit so gut wie keinen Kontakt hatten. Kurts Auftritt ist also ein Schock. Auch sonst ist es nicht einfach mit ihm.
„Hallo, ich bin Bernd Zweig. - Chopin. - Schön.“
Eigentlich wollen Hanne und Bernd Kurt so schnell wie möglich los werden. Aber ganz so einfach ist das in der Zeit des Pflegenotstands nicht. Da kommt in Bernd etwas hoch, dass eigentlich schon in Rente gegangen ist. Er war evangelischer Pastor – und jetzt entsteht eine erste Meinungsverschiedenheit mit Hanne.
„Das geht uns nichts an. - Wenn jemand in Not ist, dann geht uns das immer was an. Was ist denn? - Du kannst den Pfarrer ruhig mal stecken lassen, du. Man hat uns hierher geschickt, dass wir ihn jetzt hier abliefern können. Er hat Alzheimer.“
Weil Bernd den „guten Samariter“ in sich entdeckt, bleibt Kurt bis auf weiteres im Gästezimmer des Ehepaars. Und wirbelt deren Leben gehörig durcheinander. In Hanne ploppt auf einmal die Erinnerung an ferne schöne Tage der Vergangenheit auf. Denn so richtig losgelassen hat sie von allem noch nicht.
„Du warst alles für mich. Ich bin noch nie so tief verletzt worden.“
Jenseits des durchaus skurrilen Stoffs für einen unterhaltsamen Film, steht mit Kurt in „Der verlorene Mann“ ja das uralte „Gute-Samariter-Dilemma“ in der Tür: Wann hört Verantwortung auf, wann fängt Überforderung an? Diese Frage stellt sich in unserer Zeit immer wieder, im Öffentlichen wie Privaten: Welche Leistungen kann das Sozialsystem aufrechterhalten – und welche müssen unbedingt sein? Wie viele Stunden Arbeit sind notwendig – und wann geht der Einzelne kaputt? Was kann eine Familie verlangen – und wo beginnt der Missbrauch am Individuum? Dafür gibt es keine Antwort, die in jeder Situation zu jedem Zeitpunkt gelten würde. Vielmehr gilt es, in sich und in das Gegenüber hineinzuspüren: Was brauchst du, was brauche ich. Was kannst du tun, wo brauchst du Unterstützung? Ehrlich sein ist da oft die schwierigste Disziplin, denn damit schlägt man immer jemandem vor den Kopf. Soziale Verpflichtungen, Erwartungen der anderen an einen selbst – und dazu noch die Erwartungen ans eigene Ich. All dies spielt mit hinein und macht die Abwägung schwerer. Und doch: Die Karten auf den Tisch zu legen, hilft allen. Ehrlich sagen, was geht – und wer hier im Ernstfall auch wen ausnutzt. Denn niemand steht gut, wenn ein anderer umfällt.
