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Kirche in WDR 2 | 24.01.2026 | 05:55 Uhr
Schnelle Hoffnung
Meine Freundin Maja hat schon ewig keinen Fernseher mehr, sie guckt lieber wo und wann sie will Youtube-Videos - am liebsten Do-it-yourself Videos. Zu sehen: Scheinbar ganz normale Menschen, die innerhalb von 20 Minuten Kommoden, Tische oder Stühle restaurieren, die sie irgendwo, irgendwie geschenkt bekommen haben. Zuerst sehen diese Möbel so aus, als wenn sie nix und niemand retten kann. Doch dann werden sie gesäubert, abgebeizt, modernisiert und geölt oder lackiert und am Ende sind sie nicht nur schöner als je zuvor, sondern bringen nicht selten auch noch ordentlich Gewinn.
„Die Story ist also immer dieselbe?“, frage ich Maja. „Ja, aber es tun sich zwischendurch immer neue Herausforderungen auf,“ antwortet sie. „Manchmal bestehen die Möbel gar nicht aus echtem Holz oder wurden mit giftiger Farbe behandelt oder …“ Ich höre ihr nicht mehr zu. Komische Geschichten guckt sich Maja da an. Jeder Hobbytischler ein Held. Jedes Video ein gerettetes Möbelstück. Wieso guckt sie denn keine Videos, in denen Tiere, die Umwelt oder Menschen gerettet werden?
Ich unterbreche sie: „Warum guckt du das?“ Maja guckt mich überrascht an und sucht nach Worten: „Da wird aus etwas Hässlichem etwas Schönes. Da tun Menschen was mit ihren eigenen Händen. Da wird nicht nur weggeschmissen, sondern so recycelt, dass das Ergebnis Spaß macht.“ Ich grinse. Maja hat sich auch schon versucht im Do-it-yourself. Ewig hat es gebraucht, die ollen Stühle von dem alten Lack zu befreien. „Apropos – machen deine Stühle dir eigentlich inzwischen Spaß?,“ zwinkere ich ihr zu. „Haha, nee, die machen mich fertig!“ Wir lachen, bis sie sagt: „Ich gucke diese Videos nicht, um selber was restaurieren zu können. Ich brauche nur etwas Hoffnung, so zwischendurch mal. Nicht so tief, nicht zu lang, nicht zu fordernd. Ich will mal abschalten und trotzdem sehen, dass es geht. Die Welt ein wenig schöner, besser zu machen. Vielleicht sogar aus Schrott Gold zu machen. Ich will es gar nicht selber machen, nicht das auch noch.“
Ich höre die Erschöpfung in ihrer Stimme und merke, wie ihre Worte mein Herz treffen. Ein bisschen schnelle Hoffnung, nicht zu tief, nicht zu fordernd. Nicht selber machen, sondern auf YouTube gucken. Dann sage ich: „Manchmal braucht man das.“ „Ich brauche `ne Umarmung“, sagt Maja und lehnt sich zu mir. Und während wir uns halten, bete ich still. „Gib uns Hoffnung, schnell, tief oder flach oder durch Youtube oder Basteleien oder durch eine Umarmung. Gib uns heute Hoffnung, diese Welt macht uns manchmal so müde.“
Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius
