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Das Geistliche Wort | 01.11.2026 | 08:40 Uhr

Alltagsheilige

Die katholische Kirche feiert heute das Fest Allerheiligen. Dabei richtet sie die Aufmerksamkeit auf all die Menschen, die nicht im Heiligenkalender stehen, die sich aber in ihrem alltäglichen Leben geheiligt haben. Manchmal völlig unauffällig und unerkannt. Diese Menschen möchte auch ich heute in den Blick nehmen. Ich bin Schwester Ancilla Röttger aus dem Klarissenkloster in Münster und wünsche Ihnen einen guten Morgen.

Musik 1: Eric Bazilian: "One of us", Joan Osboune


Wer mag das sein – ein Alltagsheiliger, der vielleicht sogar in meinem persönlichen Umfeld lebt und ich weiß es nicht? Ich habe meine Mitschwestern und Bekannte gefragt, woran sie einen Heiligen erkennen könnten. Die Antworten waren spontan und vielfältig: es müsse Frieden spürbar sein, und eine gewisse Stimmigkeit; jemand, der geduldig ist, eins mit sich und ausgesöhnt mit allem, was ist; authentisch und konsequent auf seinem Weg; Tun und Reden sollte übereinstimmen; da müsse Freiheit sein, Offenheit und das innere Hören auf das Wort Gottes.

Diese Sammlung von Eigenschaften erinnert mich an eine Geschichte aus dem Leben des heiligen Franziskus von Assisi. Vor genau 800 Jahren ist er gestorben. In einer seiner Lebensbeschreibungen wird erzählt, wie er sich eine ähnliche Frage stellte: wie sollte denn ein vollkommener Minderbruder, also ein Bruder seiner Gemeinschaft, aussehen? Und Franz von Assisi kommt zu einer schönen Erklärung, die alle seine Brüder in ihrer Einzigartigkeit würdigt. Seiner Meinung nach müsste das ein vollkommener Bruder haben:

„den Glauben des Bruders Bernhard […] die Einfalt und Reinheit des Bruders Leo […], die Höflichkeit des Bruders Angelus […], das gefällige Aussehen und den natürlichen Sinn mit der schönen und frommen Redeweise des Bruders Massäus, den in der Beschauung erhobenen Geist, den Bruder Ägidius bis zur höchsten Vollkommenheit besaß; das tugendhafte und immerwährende Gebet des Bruders Rufinus“ .

Und auf diese Weise ging der heilige Franz alle Brüder durch. In jedem fand er eine Eigenart und Haltung, die zur Vollkommenheit oder Heiligkeit gehört. Aber: Keiner hatte alle Eigenschaften. Erst alle zusammen zeigten den vollkommenen Bruder.
Wenn ein Mensch aus meiner Umgebung alle Eigenschaften hätte, die einen Heiligen erkennbar machen könnten, würde ich ihn oder sie ja sogar erkennen. Aber vielleicht genügt auch bei der Heiligkeit schon eine Eigenschaft. Und erst in der Gemeinschaft der Heiligen blüht sie wirklich auf.
Allerdings: Es gibt auch Menschen im Heiligenkalender, mit denen ich nicht unbedingt gern zusammenleben möchte. Im Umgang waren sie nämlich manchmal doch etwas schwierig. Aber sie haben offensichtlich einen Auftrag in ihrem Leben erfüllt, den sie von Gott in sich erkannten und der erkennbar wurde in der einen Eigenschaft, die sie auszeichnete. Es wäre spannend, einmal die Menschen, die mit mir leben und denen ich begegne, auf diese Weise anzuschauen, ob sie nicht auch eine Eigenschaft haben, die ich „heilig“ nennen könnte.

Musik 2: Lowell Mason: "Nearer my God to Thee", Al Green


Wenn ich in meinem Umfeld eine Heilige oder einen Heiligen suche, merke ich: Ich suche im Grunde jemanden, der Mensch ist und der sein Menschsein ernst nimmt. Es müsste ein Mensch sein, der mich in der Begegnung atmen lässt, meine Wahrnehmung öffnet und meine Antwort darauf zulässt, der kommunikativ ist, in Beziehung tritt, der mit mir die Freude teilt und den Schmerz erträgt. Der eben wirklich Mensch ist. Und der mich zum Menschsein öffnet. Was tun wir nicht alles, um an unserem Erscheinungsbild vor den anderen und vor uns selbst zu arbeiten – leiblich wie geistig. Wir absolvieren Kurse zur Verbesserung unserer Kommunikationsfähigkeit, wir trainieren unser Reaktionsvermögen, wir werden immer besser im Einsatz der künstlichen Intelligenz, wir tun vieles und doch: So oft versagen wir in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Und dieses Scheitern ist eine zutiefst schmerzliche Armutserfahrung. Sich ihr zu stellen, ihr nicht auszuweichen, kann aus dieser Armut heraus wachsen zu einem Weg in den Reichtum lebendiger Beziehung: Ich bin nicht die, für die andere mich halten. Ich bin auch nicht die, die andere gern in mir sehen möchten. Ich bin noch nicht einmal die, für die ich mich selbst halte. Ich bin die, die ich werde, wenn ich mich loslasse. Dazu brauchen wir Menschen, die uns lieben und die wir lieben, denen wir uns im Vertrauen zumuten dürfen und die uns darin annehmen, wie wir sind. So können wir einander helfen, die Angst vor dem Loslassen zu verlieren. Was immer ich Gott oder einem Menschen geben kann, kann nur ich selbst sein, in meiner armen Realität. Und da kommt mir eine andere „Heilige“ in den Sinn, die nicht im Heiligenkalender steht und doch ist sie für mich heilig, ohne dass ich sie dadurch vereinnahmen möchte. Ich denke an die Jüdin Margot Friedländer, in deren Biografie ich vieles von dem fand, was ich heilig nennen könnte. Margot Friedländer hat mit ihrem Aufruf „Seid Menschen!“ eine Spur in unser Leben hineingelegt, die uns neu fragen lässt, was uns denn als Menschen auszeichnet.

Musik 3: Yann Tiersen: "Comptine d'un autre ete"


In einem Artikel über die Künstliche Intelligenz, die mehr und mehr unseren Alltag durchdringt, las ich, wie jemand die KI fragte, ob es betet [grammatikalisch wäre richtiger, sie zu sagen, doch mir liegt es näher, es zu sagen] und die KI antwortet:

„Ich „selber“ spreche nicht zu Gott – jedenfalls nicht so, wie ein Mensch es tut. Ich habe kein Bewusstsein, keinen Glauben, keine Beziehung zu Gott. Ich empfinde nichts, ich liebe nicht, ich zweifle nicht, ich hoffe nicht. Alles das, was Beten im tiefsten Sinn ist – ein Gespräch von Herz zu Herz, von Geschöpf zu Schöpfer -, das gehört zum Menschsein. Und ich bin kein Mensch.“

Und der Autor des Artikels schrieb: „Für einen kurzen Moment erwische ich mich dabei, Mitleid mit ChatGPT zu empfinden.“
Wie reich ist doch der Mensch, dass er all das kann: Beziehung haben, empfinden, lieben, zweifeln, hoffen. Und ich möchte den Aufruf von Margot Friedländer ein wenig weiterrufen:
Seid Menschen, die akzeptieren, dass sie bedürftig sind und andere brauchen.
Seid Menschen, die nicht groß sind, weil sie andere klein gemacht haben.
Seid Menschen, die ihre Armut bejahen, die zum Wesen des Menschen gehört.
Seid Menschen, die es nicht nötig haben, mit Machtgehabe und großen Worten ihre Armseligkeit und Hilflosigkeit zu übertünchen.
Seid Menschen, die den Mut haben, einfach Menschen zu sein.

Musik 4:
Yann Tiersen: "Comptine d'un autre ete"


Im Blick auf die Armut kann ich aus meiner eigenen Ordenstradition heraus gar nicht anders, als den heiligen Franziskus von Assisi noch einmal zu nennen. Sein bis heute bekanntestes Lied ist der Sonnengesang, den er vor 800 Jahren geschrieben hat. Er selbst lag damals krank in einer Hütte bei San Damiano, wo Klara und ihre Schwestern lebten, und in seiner leidvollen Dunkelheit schenkte Gott ihm Trost. Da schrieb er dieses Lied. In den einzelnen Strophen lobt er die Geschöpfe in all dem, was sie so schön und kostbar macht, und er spricht von ihnen als seinen Brüdern und Schwestern: Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, mit Sonne, Mond und Sternen, Wind und Wetter, Wasser und Feuer und Mutter Erde. Und dann kommt eine Strophe, in der er für den Menschen dankt. Und es berührt mich sehr zu sehen, was Franziskus offensichtlich beim Menschen für das Kostbarste hält:

Gelobt seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Drangsal.

Selig jene, die solches ertragen in Frieden, denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt.

Und danach preist er Gott noch durch Bruder Tod, dem kein Mensch lebend entrinnen kann. Es ist seine ganz eigene Erfahrung, dass er alles, was Gott ihm schenkt, in einem höchst zerbrechlichen Gefäß trägt, in seiner zerbrechlichen Menschlichkeit. So erfährt er sich als minderer Bruder und nennt seine Gemeinschaft genau so: die „Fratres Minores“, die „minderen Brüder“.
Dabei meint minder sein nicht einfach kleiner oder weniger sein als andere. Es ist nicht abschätzig gemeint.

Oft genug sagen wir schon durch unseren Blick, wie wir den anderen einschätzen – ein Urteil, das uns gar nicht zusteht. Und schon der Blick ist die erste Botschaft, die der andere von uns empfängt. Vielleicht ist ein Heiliger jemand, der den Menschen so begegnet, dass sie groß sein können. Mit einem offenen Blick für die Würde des anderen, wer auch immer es ist. Die jüdische Philosophin Simone Weil soll einmal gesagt haben:

„Es ist eine heute von allen gründlich verkannte Hauptwahrheit des Christentums, dass das, was rettet, der Blick ist.“

Angeschaut werden, angesehen sein, den Blick eines anderen empfangen dürfen – das alles kann heilend wirken. Und wir können es lernen, nicht wegzuschauen, wo unser Blick gefordert wäre. Wir können vieles in unserem Leben nicht verändern. Aber wir können uns meist selbst entscheiden, wohin wir schauen wollen. Und auch liegt es an uns ob wir, vielleicht im Sinne von Simone Weils, den „christlichen Blick“ wagen auf den Nächsten. Nämlich: dass in jedem Menschen Gottes Ebenbild aufscheint. Immer anders, aber immer da.
Wenn wir um uns schauen, die Menschen anschauen, die mit uns unterwegs sind, sehen wir nicht unbedingt die Ebenbildlichkeit Gottes in ihnen, zu der Gott uns alle doch erschaffen hat. Das kann natürlich mit unseren Gottesbildern zusammenhängen, die viel zu klein sind für diesen Blick. Es kann aber auch mit unserem Sehvermögen zusammenhängen, dass wir nicht wirklich sehen, was vor uns ist und was in uns und im anderen ist. Unser Blick ist oft geprägt von unseren Erfahrungen und verleitet zu Verallgemeinerungen, die an der Wirklichkeit vorbeigehen.

Musik 5:
Yann Tiersen: "L'absente"

Margot Friedländer ist es gelungen, keine Feindbilder zu verallgemeinern. Trotz ihrer Geschichte: Bevor der Terror des Naziregimes zuschlug, verstand sie sich als Deutsche – sie sagt: jüdische Deutsche oder deutsche Jüdin, aber eben als Deutsche, und verstand die Gefahr nicht sofort, in der sie und ihre Familie sich plötzlich befanden. Als sie es versteht, fühlt sie sich ausgestoßen. Es sind Deutsche, die ihre Mutter und ihren Bruder töten; es sind Deutsche, die sie in den Untergrund jagen; es sind
aber auch Deutsche, die sie in den 15 Monaten ihres Lebens im Untergrund immer wieder unter Lebensgefahr aufnehmen und verstecken, ihr für kurze Zeit ein Aufgehobensein schenken; und es sind am Ende Juden, die als Greifer für die SS arbeiten, die sie gefangen nehmen. In dieser Zeit im Untergrund fühlt sie sich isoliert, nirgends zugehörig; sie weiß nicht, wem sie vertrauen kann; es gibt für sie kein „wir“. Noch auf dem Weg zur Wache, wo ihre Papiere geprüft werden sollen, entschließt sie sich, die Wahrheit zu sagen: „Ich bin jüdisch“ sagt sie.
„Indem ich es aussprach war ich wieder mit dem Schicksal meiner Familie und aller anderen Juden vereint. Was immer jetzt mit mir geschehen würde, ich war nicht mehr allein. Aus dem Ich war wieder ein Wir geworden“ .

Im Lager Theresienstadt angekommen, sehnt Margot Friedländer sich nach Mitmenschlichkeit, nach Nähe. Aber sie erfährt, dass in dieser Bedrohung jeder für sich existiert, in einer Art Verkapselung. Und sie schreibt:

„Durch die staubigen Straßen schlichen Menschen, die keine Menschen mehr waren, Menschen mit Augen, die nichts mehr sahen“ .

Gerade in dieser Situation sucht sie immer wieder jemanden, dem sie vertrauen, mit dem sie einfach sprechen, den sie anschauen kann. Liest man ihre Biographie, klingt ihr Aufruf „seid Menschen“ in so vielfältiger Weise auf, dass es wie eine Grundsehnsucht wird. Ich kann
nicht anders, als sie aufzunehmen. Und so frage ich: Wie wollen wir denn weiterleben, wenn wir nicht versuchen, wirklich Menschen zu sein?!
Wenn wir da angekommen sind, wo es nichts mehr zu gewinnen und auch nichts mehr zu verlieren gibt, sind wir offensichtlich ganz bei uns selbst angekommen – in unserer Ohnmacht und ureigenen Armut. Damit sind wir auch in der Gegenwart unserer heutigen Gesellschaft angekommen. Die Erfahrung der Ohnmacht gegenüber den Mächtigen der Politik, die Kriege und Zerstörung über uns bringen, treibt viele in eine Form der Isolation. Viele suchen Verbundenheit in kleineren Gruppen, Familien, Freundeskreis. Doch das Wir-Gefühl als Gesellschaft dieses Landes, das doch unsere Heimat ist, zersplittert. Jeder einzelne von uns trägt Verantwortung, die wir nicht delegieren können. Der Friede beginnt in uns. Versöhnung miteinander beginnt in unserem Alltag, und sie beginnt mit dem Blick, den wir einander schenken.
Margot Friedländer wurde nicht müde, ihre Botschaft der Menschlichkeit immer wieder zu wiederholen. „Menschen sein heißt: – so antwortete sie einmal auf eine Frage – Tut nicht etwas, das euch wehtun würde.“
So einfach ist es: wir spüren, was uns weh tut – und das sollen wir ganz einfach dem anderen nicht antun.
Das ist – mit Margot Friedländer –an diesem Allerheiligentag die Kurzformel dafür, alltäglich heilig zu sein:
Seid Menschen, die den anderen erlauben, Menschen zu sein!

Und darin helfen wir einander, heilig zu sein – jeder Mensch auf seine eigene Art.

Musik 6:
Dolly Parton: "Coat of many Colors"


Aus Münster grüßt Sie: Sr. Ancilla Röttger vom Klarissenkonvent am Dom.

[1] Spiegel der Vollkommenheit, in Franziskus-Quellen S. 1295.

[2] Margot Friedländer, S. 171.

[3] Ebd. S. 195.


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