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Kirche in WDR 4 | 07.10.2026 | 08:55 Uhr
Wut, Mut und Tränen
Vor einigen Wochen ist Thomas gestorben. Ganz plötzlich. Einfach nur furchtbar für alle, die dieses Leben mit Thomas geteilt haben. Für mich war Thomas ein Wegbegleiter. Und obwohl wir uns schon gute 20 Jahre nicht mehr gesehen hatten: Thomas gehört zu meinem Leben. Ich habe so oft von ihm erzählt; wie sehr seine Art zu arbeiten, mich geprägt hat - seine Art auf Menschen zu blicken. Das war im Jugendhaus Hardehausen, im Erzbistum Paderborn. Ich: noch Studentin. Er schon fertiger Psychologe. Im Zweiterteam haben wir über gut zwei Jahre hinweg unzählige Kurse für Schülerinnen und Schüler geleitet. Oft ging es um Freundschaft und Liebe, um Themen wie Toleranz und Ausgrenzung oder die Frage, wie man gut mit Konflikten umgehen kann. Thomas war sehr schnell mein Lieblingsteampartner. Mit Thomas zu arbeiten hieß, immer mit einem weißen Blatt Papier anzufangen. Jeden Kurs, jeden Tag aufs Neue.
Thomas wollte genau den Jugendlichen gerecht werden, mit denen wir jetzt zu tun hatten, statt ihnen unbesehen altbewährte Konzepte anzubieten. Stundenlang haben wir abends dagesessen und Ideen für das Programm des nächsten Tages geschmiedet und sie immer und immer wieder verworfen. Und da war Thomas ganz klar der Antreiber. Kaum hatten wir das Gefühl „so machen wir’s!“ bekam er diesen nachdenklichen Gesichtsausdruck. Er ging nochmal in sich, prüfte nochmal, ob wir mit diesen Inhalten und Methoden auch tatsächlich dahinkommen, wo wir hinwollen. Ist doch so: Für etwas, das einem wichtig ist, für jemanden, der einem wichtig ist, muss man bereit sein, auch eine Extrameile zu gehen.
Das war Thomas‘
Arbeitshaltung. Und die berührt mich bis heute. Das habe ich nicht vergessen.
Und das gilt auch für einen Text, den Thomas den Jugendlichen am Ende von jedem
Kurs vorgelesen hat. Thomas hat mal gesagt: „diese Wünsche stärken das
Wichtigste in jedem von uns“. Da könnte was dran sein. Und deshalb lese ich
Ihnen diesen Text jetzt mal vor. Thomas kann das nicht mehr. Aber ich finde:
Der Text ist eine gute Tagesration für das, was so kommt – auch an einem gewöhnlichen
Mittwochmorgen:
Wut, Mut und Tränen wünsch ich
Dir.
Auf das du’s nie verlernst,
dich nach Utopien zu sehnen,
das wünsch ich dir.
Hoffnung und auch Sehnsucht
sollten dich begleiten auf deinem Weg.
Auf das du nie die Flinte ins Korn
wirfst, das wünsch ich dir.
Ehrliche Freunde sollen mit
dir
In guten und schlechten Tagen sein,
und das ihr euch wärmt und tröstet,
lacht und weint, und braucht nicht zu verzagen.
Unrecht und Macht, in falschen
Händen,
wenn du sie siehst, laß sie nicht bestehen.
Geh sie an mit deinen eigenen Waffen,
dann kannst du weitersehen.
Wut, dich gegen alles längst
Verfaulte
aufzulehnen.
Mut zum Träumen und dich deiner
Träume wegen nie zu schämen.
Tränen, die ein Zeichen sind
für die
Kraft deines Lebens.
Ich wünsche dir auf diesem Weg
Wut, Mut und Tränen
Tobias Verch
