Beiträge auf: wdr2
Kirche in WDR 2 | 03.06.2026 | 05:55 Uhr
Kirmesmut
„Junger Mann zum Mitreisen gesucht!“ Gibt es diese Schilder noch? Ich war lange nicht mehr auf einer Kirmes, aber ich weiß noch gut, wie fasziniert ich früher von diesen Schildern war. Immer habe ich mich gefragt: Macht das jemand? Einfach mal machen? Einfach alles stehen und liegen lassen und mit Menschen, die einem komplett fremd sind, in einen Wohnwagen ziehen? Sich darauf einlassen, dass man sich überhaupt nicht auskennt. Ich meine: Wer hat schon Karussellkompetenzen, wenn er nicht aus einer Schaustellerfamilie kommt?
In
meiner Kirmeshochphase, also in meiner Jugend, da waren ja theologische Themen
für mich im Grunde ähnlich fremd wie der Aufbau eines Riesenrades. Heute denke
ich denke ich öfter mal mit der Bibel im Rücken. Und ich stelle fest: Dieser Kirmes-Aufruf
zum „einfach mal machen“ lässt sich in der Bibel an unfassbar vielen Stellen
finden. Jesus spricht im Vorübergehen Fischer bei der Arbeit an und lädt sie
ein, ihr Leben komplett umzukrempeln.
Oder
der Engel, der Maria einlädt, Gottesmutter zu werden. Für Gott scheint es absolut
im Rahmen unserer menschlichen Möglichkeiten zu sein, dass wir uns auf komplett
unbekanntes Gebiet begeben. Und das
Leben gibt ihm ja Recht. Vieles geht nur mit „einfach mal machen“ – Kinder
bekommen z.B. Erst im Verlauf werden aus Mutter und Vater dann wirklich Eltern. Und zugleich:
Jeder Mensch sucht auch nach Sicherheit. Nicht umsonst sprechen gerade wir
Deutschen ja von der „Familienplanung“ – um mal bei dem Beispiel zu bleiben. Wir
brauchen unbedingt beides, das sich einlassen können auf das Unbekannte ebenso
wie den Rückzug auf das Vertraute, das Spiel auf Sicherheit. Und klar, manche haben
von dem einen mehr, manche von dem anderem. Auf der Kirmes kribbelts bei den
einen, wenn sie das Schild lesen mit der Einladung zum spontanen Mitreisen. Die
befällt womöglich eine Art Kirmesmut.
Und andere gehen dran vorbei und denken: Im Leben nicht!
Beim Kirmesschild geht das problemlos, dass es die einen betrifft und die anderen nicht. Aber es gibt Themen, die betreffen uns alle. An denen können wir nicht vorbeigehen. Ein Beispiel? Ich denke an die Frage: Wie können wir jetzt gut zusammenleben und wie können wir unseren Kindern und Kindeskindern eine Welt hinterlassen, die das ermöglicht? Da fahren wir gesamtgesellschaftlich grad etwas Achterbahn – was die Zukunft unseres Landes und unseres Planeten betrifft. Und klar ist: Kein Mensch allein kennt den Weg. Kein Mensch weiß, wo wir landen. Deshalb Kopf in den Sandstecken? Nein: besser darauf vertrauen, dass der Weg unter unseren Füßen entsteht. Darauf, dass wir mit Veränderungen und Unsicherheiten umgehen können, vom ersten Atemzug an. Und darauf vertrauen, dass die anderen auch mit dieser Fähigkeit ausgestattet sind. Dass jeder Mensch, Erfahrungen und Wissen mitbringt und dass wir uns da nur durchbugsieren können, wenn wir im Gespräch bleiben, unser Wissen zusammenlegen, unsere Fragen – und unsere Erfahrungen aus gelungenen und gescheiterten Versuchen. Hier ist Gemeinschaftsmut gefragt. Hundertmal so anstrengend, wie ein Riesenrad aufzubauen. Und doch: Menschenmöglich.
