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Das »Vaterunser« fährt Fahrstuhl
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Kirche in WDR 3 | 10.10.2026 | 07:50 Uhr

Das »Vaterunser« fährt Fahrstuhl

Am Morgen, wenn der Tag noch nicht entschieden ist, da gehen einem ja manchmal merkwürdige Dinge durch den Kopf. Oder Bilder, die nachwirken. Heute sehe ich mich in einem offenen Fahrstuhl stehen. Im WDR-Funkhaus am Wallrafplatz. Da bin ich neulich mal mit dem Paternoster zum Studio gefahren.

Diese alten Aufzüge, bei denen die Kabinen unablässig weiterziehen. Auf der einen Seite rauf, auf der anderen runter. Ich stehe im Erdgeschoss und schaue erst mal zu. Man muss den richtigen Augenblick finden. Die Kabine hält ja nicht an. Dann ein Schritt — und ich bin drin. Der Boden unter meinen Füßen ruckelt leicht. Aber das ist nicht schlimm.

Merkwürdig, so ein Paternoster. Da fahre ich also mit einem »Vaterunser« durchs Funkhaus. Denn genau das heißt ja, lateinisch: »Paternoster«. Mich erinnert dieses Auf und Ab an den Rosenkranz: Wie die Perlen an einer Gebetsschnur hängen die Kabinen hintereinander. Jede Kabine steht für ein Gebet wie beim Rosenkranz. Und jeder Abschnitt beginnt mit einem Vaterunser.

Jetzt im Oktober, dem katholischen Rosenkranzmonat, passt das besonders gut. Dieses Immer-Wiederkehrende der Gebete, ihr stiller Rhythmus faszinieren mich: dass ich im Rhythmus der Gebete zur Ruhe komme und nicht jedes Mal selbst was sagen muss. — Auch das Vaterunser beginnt ja nicht erst mit mir. Unzählige Menschen haben es vor mir schon gesprochen. Mit ihrer Freude, ihrer Angst, ihrer Ratlosigkeit. Ich steige in Worte ein, die schon lange unterwegs sind. Und jetzt nehme ich sie mit in mein Leben.

Es gibt eine Stelle im Vaterunser, da versuche ich immer ganz konzentriert zu sein: „Dein Wille geschehe“, heißt es da. — Ist das nicht zu leicht gesagt? Wenn mir etwas wirklich wichtig ist, warum soll mir dann ein anderer Wille womöglich dazwischenfunken? Da wird dann dieses »DEIN« Wille geschehe richtig groß.

Vielleicht beginnt Beten damit, dass neben meinen eigenen Wünschen noch etwas Raum bleibt. Dass etwas anderes möglich werden darf, als ich mir selbst gerade vorstellen kann.

Mit diesem Gedanken noch unterwegs, führt mich das Vaterunser schon an die nächste Stelle: „Erlöse uns von dem Bösen.“ Ja, was mir Angst macht, was Menschen verletzt, was sie bedrückt und worauf sie hoffen, das alles darf hier zur Sprache kommen. Das Schöne ist: Wenn mir selbst einmal Zeit und Worte fehlen, dann beten andere für mich weiter. So tragen wir einander, ohne voneinander zu wissen.

Über diese Gedanken hätte ich beinahe meine Etage verpasst hier im Paternoster vom Funkhaus. Also: Schnell raus! — Jetzt fährt die Kabine ohne mich weiter. Aber für eine kurze Zeit hab ich mich mitnehmen lassen. Dieses Bild, das fällt mir heute Morgen wieder ein: Mit anderen getragen zu sein im stillen Rhythmus eines Gebets.

Ich wünsche Ihnen ein gutes Wochenende und dass Sie für sich Ihren Rhythmus finden.

Ludger Verst aus Köln


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