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Kirche in WDR 5 | 30.06.2026 | 06:55 Uhr
Jahresmitte
„Das Jahr steht auf der Höhe, die große Waage ruht.“[1] Stimmt – was hier ein altes Kirchenlied besingt, denn heute ist die erste Hälfte des Jahres auch schon wieder vorbei. Aber ruht denn die Waage? Es kommt mir so vor, dass die Zeit vorbeirast. Bei den zahlreichen Terminen bekomme ich gar nicht mit, wie das Jahr verfliegt. Da wäre es doch schön einmal zur Ruhe zu kommen — die Waage austariert wäre in der Mitte. Sich zu keiner Seite neigt. Das Lied liefert auch eine Begründung, warum gerade jetzt die richtige Zeit dafür ist, zur Ruhe zu kommen: Es ist die Zeit „zwischen Blühn und Reifen“, also zwischen Aussaat und Ernte. Und auch wenn die allermeisten Menschen nicht mehr von diesem landwirtschaftlichen Rhythmus geprägt sind: Jahreszeiten haben doch einen Einfluss auf unseren Lebens-Rhythmus. So haben Wissenschaftler herausgefunden: Im Sommer und Herbst sind die Menschen geistig leistungsstärker als im Winter und Frühling,[2] im Sommer ist die Aufmerksamkeit besonders hoch.[3] Also warum dann nicht die ruhige Zeit nutzen, um noch einmal mehr nachzudenken – gerade jetzt, wenn die Urlaubszeit beginnt. Ich weiß, das hört sich jetzt wenig leistungsorientiert an. Aber in Ruhe nachzudenken – das ist auch eine Leistung, nicht zuletzt, um seine eigenen Gedanken ohne Stress im Nacken zu sortieren, um Raum für das Wesentliche zu schaffen. Das Lied gibt dazu einen weiterführenden Hinweis und bittet Gott: „Lass uns dein Wort ergreifen und wachsen auf dich hin.“
Es geht darum, nicht einfach die Ruhe zu genießen und die Beine hochzulegen, sondern sich auszurichten auf ein Ziel hin. Und das ist Gott selbst. Und ich würde sagen: Ja, es hilft, die eigenen Sorgen, Gedanken und Fragen in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Es lässt mich gelassen und zuversichtlich auf mein Leben schauen. Nicht jeder Sorge und jeder Angst ganz so viel Raum zu geben – auch wenn es genug Gründe dafür gibt –, sondern darauf zu vertrauen, dass Gott es gut mit mir und mit seiner Schöpfung meint. Also nicht die Hände in den Schoß legen, sondern aus der Ruhe heraus zuversichtlich entscheiden und es dann auch kraftvoll angehen. Mir helfen die folgenden Fragen dabei: Welche Anliegen sind mir so wichtig, dass ich besonders viel Energie dort hineinstecken möchte? Welche Situation muss ich vielleicht anders beurteilen als bisher? Von welchen Gewohnheiten muss ich mich verabschieden?
Gerade diesen Gedanken greift das Lied an einer anderen Stelle auf und sagt: „Das Jahr lehrt Abschied nehmen schon jetzt zur halben Zeit.“ Und auch das stimmt: Denn nach dem Sommer werden die Tage kürzer, es wird dunkler und irgendwann ist der Winter da. Und das Leben läuft unweigerlich auch auf ein Ende zu. Das kann und möchte ich nicht vergessen. Mehr noch: Wie es nach dem Jahresende ein neues Jahr gibt, so glaube ich, dass nach dem Tod ein neues Leben wartet.
Also: „Das Jahr steht auf der Höhe, die große Waage ruht.“ Warum sich nicht heute etwas Zeit nehmen und dankbar auf das zurückzuschauen, was schon hinter mir liegt, um wachsam zu sein für das, was mich noch alles erwartet auf meinem Weg zum Ziel.
Aus Viersen grüßt Sie Kaplan Andreas Hahne
[1] Gotteslob Nr. 465. [2] Vgl.: https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Im-Herbst-denkt-es-sich-besser 231966.html#:~:text=Die%20geistige%20Leistung%20von%20Menschen%20schwankt%20mit,F%C3%A4higkeiten%20des%20Gehirns%20im%20Herbst%20und%20Sommer [3] https://www.scinexx.de/news/biowissen/auch-unser-gehirn-hat-jahreszeiten/ .
