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Kirche in WDR 4 | 20.03.2026 | 08:55 Uhr
Frühlingsanfang
Autorin: Guten Morgen! Heute ist kalendarischer Frühlingsanfang.
Das zarte Grün muss sich noch bemühen, aber die ersten Krokusse haben sich schon durch die Erde gekämpft. Narzissen und Schneeglöckchen zeigen sich schon lange bereits.
Frühlingsanfang – das ist weit mehr als nur ein Datum im Kalender. Es ist irgendwie ein Versprechen.
Meine Nachbarin schaut kaum noch Nachrichten. Zu viel Krieg, zu viel Leid, zu viele Krisen und Zerrissenheit in der Welt.
„Ich kann das nicht mehr ertragen, wie soll das denn alles nur werden“, fragt sie mich. Ich habe keine Antwort. Nur dieses Gefühl: Das kann und darf nicht so bleiben, wir brauchen unbedingt Frühling und Neuanfang, jetzt!
Ein Gefühl, dass Poesie besonders schön beschreiben kann, so wie diese Gedichtzeile von Rainer Maria Rilke:
Sprecher: "Und wieder duftet der Wald. Es heben die schwebenden Lerchen mit sich den Himmel empor." (1)
Autorin: Die Lerchen läuten den Frühling ein. Sie steigen hoch in den Himmel auf und lassen ihren Gesang erklingen. Bis zum Spätsommer hebt ihr Gezwitscher den Himmel regelrecht an: als könne das Leichte das Schwere einfach ein Stück nach oben schieben.
Sprecher: "Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und dahin.
Die Blumen sind aufgegangen im Lande, der Lenz ist herbeigekommen."
(Hoheslied der Liebe 1,4ff., Die Bibel, Luther 2017)
Autorin: So steht´s in einem Liebesgedicht in der Bibel. Nach jedem Winter kommt ein Frühling. Nach jedem Absterben in der Natur erblüht es neu, bahnt sich neues Leben an.
Sterben und Aufbrechen gehören in der Bibel seit jeher zusammen. Als wäre das eine die Voraussetzung für das andere. Vielleicht ist das ja die wichtigste Lektion des Frühlings, zu wissen: Du kannst immer wieder neu anfangen.
Wie oft geht mir das in meinem Alltag unter. Wenn es in der Freundschaft kriselt.
Wenn die Diagnose vom Arzt alles ins Wanken bringt. Wenn der Job verloren geht
oder die alten Eltern auf einmal mehr Unterstützung brauchen.
Dann fühlt es sich gar nicht nach Frühling, sondern nach endlosem Winter an.
Nur, das macht es nicht leichter und besser.
Da lobe ich mir den unerschütterlichen Optimismus einer Freundin.
Inmitten einer schweren Krankheit hält sie Ausschau nach Zeichen von Frühling.
Ein Blumenstrauß, der sie erfreut. Ein Essen, das jemand vorbeibringt.
Vögel, die im Garten zwitschern. Es sind die kleinen Dinge. „Es geht irgendwie weiter,"
sagt sie. „Du musst dem Leben trotzen und ihm die schönen und positiven Dinge abgewinnen.“
Ich wünsche heute allen diese Frühlingskraft. Offene Augen für die Neuanfänge – im Garten, auf der Straße, im Herzen. Ja, die Welt ist zerrissen. Es gibt viel Dunkelheit. UND: Es gibt Licht, das zurückkehrt. Wärme, die wiederkommt. Tage, die länger werden, Hoffnung, die sich immer wieder Bahn bricht.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Frühlingsanfang. Möge er in Ihnen selbst etwas zum Blühen bringen.
Pfarrerin Christiane Neufang aus Köln.
(1) Rainer Maria Rilke, Das Buch der Bilder, Suhrkamp 1996
https://www.koelner-leselust.de/gedicht-zum-tag-aus-einem-april-von-rainer-maria-rilke/
(zuletzt abgerufen am 01.03.26)
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
