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Kirche in WDR 2 | 30.07.2026 | 05:55 Uhr
Beschenkt
Es gibt Momente, da möchte ich am liebsten im Erdboden versinken. Passiert mir vor allem dann, wenn ich mal wieder so richtig gepatzt habe. Das muss gar nichts wirklich Schlimmes sein. Eher so etwas wie: Eine Woche vor dem eigentlich vereinbarten Termin bei Bekannten erscheinen. Oder irgendeinen flotten Spruch raushauen und dann merken, wie ich damit so richtig ins Fettnäpfchen getreten bin. Peinlich so etwas. Und sehr unangenehm. Glücklicherweise wissen die Menschen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis damit umzugehen. Die kennen mein loses Mundwerk und wissen auch, dass ich in Sachen Termine gelegentlich – sagen wir mal – etwas eigenwillig bin. Die haben also ziemlich viel Verständnis für mich und die bauen mir dann regelmäßig Brücken, damit die Situation nicht vollends unerträglich für mich wird.
Nun gibt es allerdings auch Momente, da schäme ich mich eher in mich rein. Da werde ich innerlich rot – nicht, weil ich vor den Augen anderer etwas getan oder gesagt habe, was ich nicht hätte tun sollen. Sondern weil mich da mein Gewissen anklagt. Ich schäme mich da also nicht vor anderen, sondern vor mir selbst. Hatte ich zuletzt, als mich ein Freund anruft und mich bittet, ihm bei einer Bewerbung zu helfen. Selbstverständlich will ich ihm diese Bitte nicht abschlagen. Aber: Ich hatte in dem Moment gerade ziemlich viel um die Ohren und entsprechend wenig Lust, hier viel Zeit zu investieren. Also lass ich mir das Bewerbungsschreiben schicken und vermerke dazu eher widerwillig und oberflächlich ein paar Hinweise, gerade so viele, dass mein Freund merken kann: Ich hatte mich mit dem Text auseinandergesetzt. Nachdem ich ihm sein Anschreiben dann zurückgeschickt und das Ganze noch mit einem kurzen Telefonat begleitet hatte, verschwende ich dann auch keinen weiteren Gedanken mehr an die Sache. Bis dann zwei Wochen später der Postbote ein Päckchen bringt. Mit einer Flasche meines Lieblingswhiskeys, einer lecken Tafel schwarzer Schokolade und einer Karte, auf der mir mein Freund ausgiebig und von Herzen dankt. Was soll ich sagen: Ich war beschämt. Ich hatte meinem Freund weit weniger gegeben, als ich ihm hätte geben können – und er bedankt sich in einer wahrhaft königlichen Weise.
Wenn ich ehrlich bin: In meinem Verhältnis zu Gott ist das eigentlich nicht anders. Da mache ich das eine oder andere, um was er mich bittet, auch eher widerwillig und ohne allzu großen Ehrgeiz. Und trotzdem werde ich beschenkt. Jeden Tag. Ich habe zu Essen. Ich habe ein Dach über dem Kopf. Ich habe meine Familie. Ich habe Freunde. Ich habe Arbeit. Die macht mir sogar Freude. Und von der einen oder anderen gesundheitlichen Baustelle abgesehen geht es mir auch körperlich gut. Gemessen an dem, was ich für Gott mache, ist das alles übertrieben viel. Bekomme ich aber trotzdem. Offenbar liebt Er mehr, als ich mir das vorstellen kann. Er weiß offenbar auch das Wenige, dass ich gebe, zu schätzen. Und das gibt mir ein gutes Gefühl. Nicht, dass ich nicht versuchen sollte, anständig zu sein, das Richtige zu tun und vielleicht doch ab und an mal etwas mehr als nur das Notwendige zu geben. Aber offenbar misst Gott doch mit anderer Elle. Sicher sieht Er, dass ich mehr tun könnte. Aber seine Methode, mich dahin zu bringen, besteht nicht aus Druck oder gar aus Strafe. Sondern aus Ermutigung. Und mit diesem Wissen ist zwar der Grund für mein Schämen nicht weg. Aber ich sollte mich vielleicht nicht allzu sehr mit einem schlechten Gewissen belasten und stattdessen frei und froh nach vorne blicken – mit dem festen Vorsatz: Künftig mache ich es besser.
