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Kirche in WDR 3 | 28.02.2026 | 07:50 Uhr
Der theologische Igel-Trick
Am Morgen, wenn der Tag noch nicht entschieden ist, da schießen einem ja manchmal merkwürdige Gedanken durch den Kopf — oder ein Bild oder eine Geschichte. Kennen Sie das —, das Märchen vom Hasen und dem Igel? Seit meiner Kindheit geht es mit mir. Dabei ist es gar keine Geschichte nur für Kinder.
Mein früherer Theologie-Professor in Münster, Johann Baptist Metz, hat dieses Märchen sogar in seinen Vorlesungen zum Thema gemacht: die Geschichte von jenem krummbeinigen, aber listigen „Swinigel“, der am Sonntagmorgen auf dem Felde spazieren geht und dem Hasen, der ihn wieder mal wegen seiner schiefen Beine gefoppt hatte, überraschend einen Wettlauf in den Ackerfurchen vorschlägt. Wie die Geschichte weitergeht, ist klar: Der Igel geht vorher noch mal kurz nach Hause — zum Frühstücken, wie er sagt —, um seine Igelfrau zu holen, die bekanntlich genau so aussieht wie ihr Mann. Die postiert er am oberen Ende der Ackerfurche, während er sich am unteren Ende neben dem Hasen zum Lauf aufstellt. Der Hase fällt auf den Igeltrick herein: Er läuft und läuft in seiner Furche; der Igel ist, hier wie dort, immer schon da. Und schließlich – beim siebenundsiebzigsten Lauf – rennt und stürzt sich der Hase auf dem Ackerfeld zu Tode.
Metz, der Theologie-Professor, hat dieses Märchen gern gegen den Strich gebürstet. Er hat die Logik des Märchens, das ja Sympathie zeigt für die Langsamen und Zu-Kurz-Gekommenen, für den Igel eben, kurzfristig außer Kraft gesetzt und sich erlaubt, für den Hasen Partei zu ergreifen. Warum? Weil die Theologie – und in praktischer Konsequenz natürlich die Kirche – nicht selbst mit einem solchen Igel-Trick arbeiten dürfen. Wer von Gott redet, kann sich das Laufen, die Hasen-Rolle, nicht ersparen. Welche Erfahrungen vom Leben, welche Erfahrungen mit Gott hätte er sonst vorzuweisen? Worüber sollte er reden? Gott ist ja kein ausgeklügelter Trick, den Theologen nur geschickt verkaufen müssen. So wie der Igel dem Hasen verkauft, er würde laufen und zudem auch noch der Schnellere sein.
Leider postiert sich meine Kirche gern in trickreicher Verdopplung an beiden Enden der Weltgeschichte und ist mit ihren „ewigen Wahrheiten“ über Gott und die Welt uneinholbar immer schon da, bevor die eigentlichen Fragen überhaupt gestellt sind. Aber diese Rechnung geht nicht auf.
Gerade als Christ muss ich das Auf und Ab, die Höhen und Tiefen meines Lebens nicht verstecken. Ich kann mir vor allen anderen sogar Niederlagen leisten. Genau dies kann ich an Jesus selbst ablesen: Er ist wie wir ins Leben wirklich aufgebrochen, auf Widerstände gestoßen, für andere sogar ins Risiko gegangen. Alles voll und ganz.
Seitdem wollen Menschen ihr Leben immer wieder an seinem ausrichten. Ohne Tricks und doppelten Boden. Wie entlastend das sein kann!
In diesem Sinne »Gottes Segen« wünscht Ludger Verst aus Köln.
