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Flügel der Morgenröte
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Hörmal | 11.10.2026 | 07:45 Uhr

Flügel der Morgenröte

Es ist mitten in der Nacht und ich kann nicht schlafen. Am Abend zuvor haben wir eines unserer Kinder zum Flughafen gebracht und für ein Jahr verabschiedet. Sie macht ein Austauschjahr und erkundet die Welt. Weit weg, in einem Land, wo ich noch nie gewesen bin, dessen Sprache ich weder spreche noch verstehe, das ich aber zumindest neuerdings treffsicher auf dem Globus finde.


Den meisten, denen ich davon erzähle, sagen sofort: „Toll, sie wird da ganz viel erleben!“, „Wenn sie wieder kommt kann sie fließend Spanisch und ist total selbstständig.“ Das alles rede ich mir ja auch die ganze Zeit ein, nur helfen tut es mir in diesem Moment kein bisschen. Stattdessen starre ich in der Dunkelheit des Schlafzimmers auf den Bildschirm meines Telefons. Eine App zeigt mir genau an, wo das Flugzeug gerade ist, auf welcher Flughöhe es sich befindet und wann es voraussichtlich landet. Minutenlang verfolge ich, wie das sich kleine Flugzeugsymbol langsam über den Atlantik bewegt. Immer weiter weg von dem kleinen blauen Punkt auf dem europäischen Festland, meinem Standort. An Schlaf ist in dieser Nacht nicht zu denken. Meine Gedanken kreisen zu sehr um den Abschied, um die Fragen, ob dieses Auslandsjahr eine gute Idee gewesen ist, ob es ihr gut geht und wie es mit dem Anschlussflug klappen wird. Wie gut, dass jetzt nicht noch jemand um die Ecke kommt und mir ein wohlmeinendes „ Das schafft sie schon!“ zuruft. Ich kann alle diese Sprüche gerade nicht gut hören.


Abschiednehmen tut weh. Selbst wenn es nur für eine bestimmte Zeit ist, fällt das Loslassen schwer. In der jüdisch-christlichen Tradition gibt es für solche Situationen, in denen wir an unsere emotionalen Grenzen kommen, den Reisesegen: Den Wunsch, dass Gott die Reisenden auf dem Weg beschützt, dass ihnen gute Menschen begegnen, dass sie genug zum Leben haben und gut wiederkehren. Das Zusprechen des Segens ist auch das Eingeständnis, selber nichts mehr machen zu können und der Ausdruck des Vertrauens, dass Gott mitgehen wird.


Ich habe das auch gemacht. Ohne große Geste. Mit einem kleinen Brief habe ich ihr einen Vers aus Psalm 139 mitgegeben. „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich halten und deine Rechte mich führen.“ Ich merke, der Reisesegen ist nicht nur für den, der aufbricht, sondern auch für den, der loslässt: Das Vertrauen, dass wir von Gott gehalten sind, zu welchen Horizonten wir uns auch aufmachen – ganz gleich ob nah oder fern.



Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

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