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Hörmal | 16.08.2026 | 07:45 Uhr
Was bleibt?
Seit Anton Witwer ist, lebt er zurückgezogen. Seine Tage verlaufen ruhig, immer gleich, unspektakulär. Bis ihm eines Tages sein Arzt sagt, dass er nur noch kurze Zeit zu leben habe. Anton hat keine Angst vor dem Tod, aber er fragt sich: Was wird eigentlich von mir bleiben?
Er hat keine Kinder, seine Frau ist bereits verstorben. Wer wird sich an ihn erinnern, falls es überhaupt jemand tut? Anton beschließt etwas Bleibendes zu schaffen, etwas, das ihn überdauert. Zunächst versucht er es mit Schreiben. Es will ihm nicht recht gelingen, dann probiert er es mit Fotografieren, dann mit Malen. Auf seiner Schaffenssuche begegnen ihm Menschen und Tiere, die sein Leben verändern, eine junge Schauspielerin, ein lebensmüder Student und sogar eine Möwe und eine Taube, die regelmäßig an seinem Fenster auftauchen. Nach und nach entdeckt Anton, was von ihm bleibt und Bedeutung bekommt, sind keine großen Werke. Vielmehr sind es die kleinen Begegnungen, die Freundschaften, die Spuren, die wir im Leben anderer Menschen hinterlassen.
Antons Geschichte ist ein Roman von Nelio Biedermann, den er im Alter von 19 Jahren geschrieben hat. „Anton will bleiben.“ Der junge Autor befasst sich mit einer existenziellen Frage. Was soll unser Leben, wenn doch nichts bleibt?
In der Bibel heißt es in Psalm 90: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Die Bibel sagt nicht: „Denke an den Tod, damit Du Angst bekommst.“ Sie will, dass wir in dem Bewusstsein leben, dass unser Leben endlich ist. Das nennt sie Klugheit. Klug ist, wer nicht alles auf später verschiebt. Klug ist, wer heute Zeit schenkt, wer heute zuhört, heute versöhnt, heute liebt. Klug ist, wer erkennt, mein Wert hängt nicht davon ab, wie berühmt ich werde oder was ich hinterlasse. Wir müssen uns nicht unsterblich machen, weil wir längst in Gottes ewiger Erinnerung eingeschrieben sind. „Siehe, in die Hände habe ich Dich gezeichnet.“ sagt Gott im Buch Jesaja. Wir bleiben – nicht, weil wir Großes schaffen, sondern weil Gott uns nicht vergisst.
Vielleicht ist das die tiefste Antwort auf Antons Sehnsucht, zu bleiben: Wir müssen unser Leben nicht festhalten, wir dürfen es leben, mit all denen, deren Lebenswege sich hier mit unserem kreuzen. In all den Begegnungen bleibt ein kleiner Erinnerungsfunke aneinander. Und Gott sammelt sie alle. Was Endlichkeit auf Erden schmerzhaft trennt, verbindet Gott in der Ewigkeit.
Quellen: Biedermann, Nelio; Anton will bleiben; Rowohlt Hamburg 2023, Die Bibel Psalm 90,12, Die Bibel Jesaja 49,16
Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius
