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Kirche in WDR 5 | 10.08.2026 | 06:55 Uhr
Laurentius-Tränen
Moin aus Münster! Na, haben Sie geschlafen? Oder haben Sie die Nacht wachend draußen verbracht, um möglichst keine Sternschnuppe zu verpassen? Denn sie fallen wieder. Flitzen über den Himmel, unzählige. Ein ganzer Schauer. Und manchem geht der Schauer dann über den Rücken. So ein Naturschauspiel, das verzaubert. Bei dem wir uns gern heimlich etwas wünschen - auch wenn wir nicht abergläubisch sind. Nein, wir leben nicht mehr in der Antike, in der man annahm, dass sich bei einer Sternschnuppe der Himmel öffnet. Dass die Götter, deren Tränen das seien, so Wünsche besser mitbekämen. Und trotzdem spricht man auch heute bei den Sternschnuppen dieser Tage von Tränen, von Laurentiustränen. Denn der Perseiden-Schwarm ist jedes Jahr um das Fest des heiligen Märtyrers Laurentius herum zu sehen. Und heute ist Laurentius-Tag.
Tränen: Tropfen, die aus den Augen kullern. Es gibt eine Menge Gründe, um zu weinen. Vielleicht meistens aus Trauer. Bei einer Beerdigung brauchen viele ein Taschentuch. Aber auch vor Freude und vor Glück kann man weinen: wenn der geliebte Mensch am Flughafen ankommt. Oder einfach, weil man so tief berührt ist. Irgendwo habe ich gelesen: Tränen sind ein Überschuss an Gefühlen. Und dann müssen die raus. Soll gesund sein, sagen Neurowissenschaftlerinnen und Psychologen. Der heilige Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, ist der große Weiner in der Kirchengeschichte. Er fand seine Tränen so wichtig, dass er deren Auftreten in seinem Tagebuch festgehalten hat. Und im Roman „Der Name der Rose“ morden die Mönche für die Frage, ob Jesus gelacht habe – was nicht in der Bibel steht. Was aber klar da steht, ist, dass Jesus geweint hat.
Und Sie? Können Sie weinen? Ich schon. Oft. Meist vor Rührung. Weil mich etwas bewegt, innerlich. Viele Tränen werden im sprichwörtlichen stillen Kämmerlein geweint. Aber schämen müssen wir uns ihrer auch in der Öffentlichkeit nicht. Wenn ich in diesen Nächten rausgehe, um nach den Perseiden Ausschau zu halten, dann verbinden mich diese kosmischen Laurentiustränen mit den Tränen all derer, die in einem Tränental leben, einem persönlichen oder einem Tränental von Gewalt. Ob dies kriegerische Gewalt ist, häusliche, terroristische oder Naturgewalt. Die Tränen des heiligen Laurentius und meine, sie sind ein fließendes Band, das verbindet, auch mit allen, die ihr Glück gerade nicht fassen können, die randvoll davon sind und überlaufen. Und manchmal denke ich dann auch an die, die keine Tränen mehr haben oder deren Herzen hart geworden sind. Und dann weine ich eine Runde mit ihnen, um sie und stellvertretend für sie. Und wenn ich in den nächsten Nächten auf dem Balkon liege, dann werde ich für alle, die WDR hören, einen heimlichen Wunsch zum Himmel schicken. Versprochen!
Einen guten Tag Ihnen – und natürlich jetzt schon eine Nacht mit vielen Sternschnuppen,
Ihre Schwester Katharina Kluitmann aus Münster
