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Kirche in WDR 4 | 16.07.2026 | 08:55 Uhr
Schutzengel
Morgen: Letzter Schultag. Und dann geht es ab in die Ferien. Gut, vielleicht hat der eine oder andere seinen Sommerurlaub schon hinter sich. Jetzt möchte ich hier auch gar nicht von meinen Urlaubsplänen erzählen. Vielmehr von einer Harleytour, die ich vor ein paar Jahren gemacht habe. Durch die Normandie. Meine Frau und ich auf einer 430-Kilo Maschine. Ich weiß noch, dass ich mit dem Navi überhaupt nicht klarkam und mich entsprechend völlig verfahren hatte. Die Straßen wurden immer enger. Die Schlaglöcher immer tiefer – und es goss in Strömen. Seit Stunden. Da half auch die Regenkombi nicht mehr. Wir waren nass bis auf die Knochen, fingen an zu frieren, hatten keine Ahnung, wo wir waren und hatten auch seit gut einer halben Stunde keine Menschenseele mehr gesehen. Dann passiert, was passieren musste. Wir kommen an eine rechte Haarnadel-Kurve, also wo die Krümmung ähnlich eng ist wie bei besagter Haarnadel. Die finden sich meist in Serpentinen. Und genau da sind wir gerade auch. Die Straße steigt steil an – und der Regen hat jede Menge Schotter und Sand auf den Asphalt gespült. Ein bisschen zu viel Gas, ein bisschen zu wenig Vorsicht, das Hinterrad bricht aus und die Harley kippt. Meine Frau kann rechtzeitig abspringen. Mir gelingt das nicht, so dass sich das hintere Trittbrett in meinen Oberschenkel drückt. Höllische Schmerzen! Kann kaum Auftreten. Und was mich wirklich besorgt: Wie soll ich derart ramponiert die Maschine wieder in die Senkrechte hieven? Die Antwort kann ich mir schnell selber geben: Gar nicht.
Und während ich da so vor mich hin katastrophisiere und die Schmerzen pochern, hält neben mir ein alter, klappriger Peugot an. Aus dem Wagen steigt ein Jüngelchen: einen Kopf kleiner als ich, dünn wie eine Bohnenstange und nur mit Shorts, Badelatschen und einem dünnen T-Shirt bekleidet, das innerhalb weniger Sekunden klatschnass ist. Er sagt irgendetwas auf Französisch. Verstehen tu ich das nicht, aber er geht direkt auf das Motorrad zu. Ich will gerade beginnen, ihm auf Englisch zu erklären, wie man so ein schweres Bike ohne einen Leistenbruch zu bekommen aufrichtet, da hat er sich den Lenker genommen – und zack, steht das Motorrad wieder. Ich höre noch ein „au revoir“ - und dann ist er auch schon wieder weg. Meine Frau und ich stellen uns noch für eine halbe Stunde unter einen Baum und als der Schmerz ein wenig nachlässt, fahren wir weiter.
Ich weiß nicht, was da genau damals in diesem Nirgendwo in der Normandie passiert ist. Aber was ich weiß, ist: Da hat jemand auf mich aufgepasst und mir einen Schutzengel geschickt. Keinen mit Goldlöckchen und Flügeln. Eher so einen dürren mit einem rostigen französischen Auto. Und wenn nun die Reisezeit für Sie beginnt, dann endet die für Sie hoffentlich so, dass Sie ohne „Umfall“ wieder zurückkommen. Und dass Ihnen, falls doch etwas passiert, auch ein Schutzengel zur Seite steht. In diesem Sinne wünsche ich – mit einem alten irischen Reisesegen: Möge dein Weg dir freundlich entgegenkommen, möge der Wind dir den Rücken stärken. Möge die Sonne dein Gesicht erhellen und der Regen um dich her die Felder tränken. Und bis wir uns wiedersehen oder wiederhören, möge Gott dich schützend in seiner Hand halten.
