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Kirche in WDR 2 | 31.10.2026 | 05:55 Uhr
Reformationstag
Ich reiße das oberste Kalenderblatt ab. Den Morgenkaffee noch in der Hand. Oh, heute ist der 31.10.! Reformationstag. Schon? Eben war doch noch Sommer. Verrückt, wie schnell die Monate vergehen. „31.10.1517: Martin Luther veröffentlicht seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel“. Steht da.
„Ziemlich mutig.“, denke ich. Da stellt sich dieser Mann ganz allein gegen die Mächtigen seiner Zeit. In der Welt und in der Kirche. Weil sein Gewissen ihn treibt. Er hält es nicht mehr aus, mit anzusehen, wie die Großen der Welt die Leute in Angst und Schrecken versetzen und daraus ihren Vorteil ziehen. Ihre Macht und ihren Reichtum. Sie drohen den Leuten: „Höllenstrafen, Fegefeuer, unerträgliche Qualen im Jenseits. Für dich, für deine Kinder, deine Liebsten. Schlimm wird das. Es sei denn, du gehorchst. Und bezahlst. Dann wird alles gut.“ So läuft das Geschäftsmodell: Angst machen und kassieren. Und das Geschäft läuft gut. Zu gut, um damit aufzuhören oder etwas dagegen zu unternehmen.
Bis eben einer kommt und widerspricht. Den Finger in die Wunde legt. Luther.
Er ist überzeugt: Das Wohl der Menschen liegt in der Liebe. In der Nächstenliebe, in der Liebe Gottes. In der Überzeugung, dass alles gut werden kann, wenn man der Liebe vertraut. „Aus Glauben.“, sagt Luther.
Und er ist überzeugt, dass man das nicht nur glauben kann, sondern auch sagen muss. Damit das Unrecht nicht unwidersprochen bleibt.
Reformationstag.
Zugegeben, Martin Luther war kein Heiliger. Hätte er wohl auch von sich selber nie behauptet. Er hat so manches gesagt, geschrieben oder getan, das mich ziemlich ratlos macht. Regelrecht wütend.
Aber das imponiert mir: Die Wahrheit auszusprechen, wenn der Druck wächst. Falsches falsch zu nennen, auch wenn die Leute es nicht hören wollen. Den Bestimmern und Manipulatoren zu widerstehen, indem man ihnen ihre größte Waffe aus der Hand nimmt: Die Angst der Menschen.
Um dann immer und immer wieder zu erinnern: Das Wohl der Menschen liegt in der Liebe. Im Miteinander und Füreinander. Im Hoffen. „Im Glauben.“, sagt Luther.
Während ich so noch darüber nachdenke, setze ich mich an den Küchentisch, stelle die Kaffeetasse ab und schlage die Zeitung auf. „Hm,“ denke ich, „so ein bisschen mehr Luther könnte man heute aber auch brauchen.“ Gut, dass es den Reformationstag gibt.
Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius
