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Kirche in WDR 3 | 03.10.2026 | 07:50 Uhr
Einheit in Vielfalt
Guten Morgen!
Frankfurter Kranz und Pfirsich-Biskuit, Spargelröllchen und Russische Eier mit Kaviarersatz - als ich ein Kind war, schmeckten so Familienfeiern. Die ganze Bande traf aufeinander, man saß und aß, trank Kaffee, Likör oder Schaumwein. Für uns Kinder gab es Limonade.
Eigentlich war’s schön. Und natürlich fuhren wir hin; Familie ist Familie.
Schon früh allerdings habe ich mitbekommen: Ein Herz und eine Seele waren wir nicht. Je nachdem etwa, ob ein Geburtstag bei Tante Erna oder bei Oma Luise auf dem Programm stand, waren die Nerven meiner Eltern schon bei der Hinfahrt im Auto elektrisch. Und auf dem Weg zurück ließen die beiden oft genug erst einmal Dampf ab. Über diesen Großonkel, jene Schwiegermutter oder die Cousine, die ja wohl völlig verrückt war. Meine Eltern waren keineswegs mit allen Verwandten gleichermaßen einverstanden. Unbeschadet dessen, saßen wir drei Monate später um den nächsten Frankfurter Kranz.
03. Oktober – Tag der Deutschen Einheit. Nationalfeiertag.
Über die Einheit, die deutsche, ist zuletzt viel und heftig debattiert worden. Etwas lauter und schriller noch als in den letzten 36 Jahren. Auch nach dreieinhalb Jahrzehnten schiebt man alles in die alten Schubladen, die undankbaren Ossis, die überheblichen Wessis, Opfer, Nutznießer, Ausbeuter, Wohltäter, darüber kann man trefflich streiten. Hat die Krise der Demokratie ost- oder westdeutsche Gene?
Man ist sich nicht einig. Krieg, Klima, Wirtschaft, Schulden, Reformstau – all das lässt die Nerven dünn und die Fouls hart werden.
Und so bleibt es – auch nach 36 Jahren – mit der Einheit schwierig. An der Einigkeit fehlt’s mehr als an Recht und Freiheit.
In der Kirche übrigens versuchen wir das mit der Einheit seit 2000 Jahren. Schwierig war’s von Anfang an. Schon der Apostel Paulus hatte es in den ersten Gemeinden mit viel Streit und Gezänk zu tun. Da stritten sie sich darum, welche Ämter edler als die anderen sind, welche Gaben größer - das zerlegte die Gemeinschaft.
Paulus erweist sich als Realist - und weist einen Weg. „Ja, verschieden seid ihr, schreibt er. So ist das nun mal. Ein Fuß ist keine Hand und ein Auge kein Ohr. Aber: Auch wenn die vielen Körperteile verschieden sind, braucht der Leib sie alle. Und wenn ihr grundverschieden begabt und gesinnt seid: Es ist doch ein Geist unter euch.“ Heißt: Rechnet auch bei den anderen mit Gott. Und vergesst nicht: Vor ihm habt ihr alle nicht viel vorzuweisen. Ihr habt nur Glück, dass er barmherzig ist.
Ich glaube: Anders wird das nichts mit der Einheit. Nur in Vielfalt und Verschiedenheit. Und barmherzig.
Viele Stärken – ein Land. Unter diesem Motto feiert man heute in Bremen den Tag der Deutschen Einheit. Viele Stärken, viele Schwächen - und überaus verschieden. So ist das in Deutschland.
Zusammen feiern, ist immer gut. Und dass es in Bremen heute nicht nur Russische Eier, sondern sicher auch Döner, Gyros, Pizza oder Sushi gibt, beweist: Gott sei Dank, die Einheit wächst in Vielfalt weiter.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )
Ihr
Ulf Schlüter, Soest.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
