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Kirche in WDR 3 | 05.11.2026 | 07:50 Uhr
Bubers Büchlein
Bei uns am Küchentisch geht es ziemlich oft hoch her. Da gibt es nichts, was nicht besprochen wird. Will sagen: Da sind wir in der einen Minute noch Bundestrainer – und in der nächsten Bundeskanzler. Und der kategorische Imperativ wird mindestens genau so leidenschaftlich erörtert wie die Frage, ob Hunde oder Katzen die besseren Haustiere sind. Das Schöne an diesen Tischgesprächen ist: Es dauert meist nicht lange und es geht dann doch um die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Um das, was uns prägt und bewegt. In den allermeisten Fällen finden wir die Antworten auf diese Fragen in kleinen Geschichten. Meistens solche, die einer von uns erlebt hat. Und es kommt dabei gar nicht so selten vor, dass wir alle diese Geschichte, die da gerade erzählt wird, schon kennen. Trotzdem hört jeder zu. Immer wieder aufs Neue. Vielleicht gerade, weil die so vertraut ist. Oder auch, weil sich in ihr eine tiefere Wahrheit beweist, die es verdient, ein weiteres Mal ausgesprochen und gehört zu werden.
Gelegentlich kommt es aber auch vor, dass es sich nicht um eine selbst erlebte Geschichte handelt. Sondern um eine kurze Episode aus einem Bilderbuch. Oder um eine Szene aus einem Hollywood-Streifen. Irgendetwas jedenfalls, wo sich in wenigen Worten eine Weite, eine andere Dimension auftut. Ab und an kommt es sogar vor, dass sich persönliches Erleben und Literatur miteinander verbinden. Das ist zum Beispiel so, wenn wir über Heiner Diehl sprechen. Ein Priester, der unsere Familie geprägt hat. Der häufig mit uns am Tisch saß – und dessen Lieblingspredigt angelehnt war an eine Erzählung des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber. In der ging es um einen Rabbi, der von einem Nachtwächter erinnert werden muss, für wen er geht. Heiner Diehl hat diese Geschichte so oft erzählt, dass ich mir irgendwann gesagt habe: Das solltest Du Dir mal im Original anschauen. Und was soll ich sagen? Es wartete ein Fest auf mich. „Die Erzählungen der Chassidim“[1] heißt das Büchlein – eine Sammlung von überwiegend kurzen, anekdotenhaften Erzählungen und eine wunderbare Reise durch eine geschwundene, geschundene und letztlich zerstörte, aber immer noch leuchtende, schimmernde Glaubenswelt. Ein sprudelnder Quell von Weisheit, der sich aus dem Geist meiner älteren Geschwister im Glauben speist und der geprägt ist von einer heitereren, dem Judentum so eigenen Gelassenheit, die sich mit einem schönen und feinen Humor paart, der ermutigt, sich selber nicht immer ganz so wichtig zu nehmen.
Wissen Sie: Mir fehlt mittlerweile leider die Zeit, dicke Bücher zu lesen. Aber Hunger nach Sinn habe ich trotzdem. Und da ist Bubers Büchlein genau das, was ich brauche und was ich auch zum x-ten Mal zur Hand nehmen kann. Für eine Neujustierung meines inneren Kompass und für das, was Buber als eine „Rückbindung der Zerstreuten an ein altes Zentrum“ (Jakob Hessing) verstand. Obschon Buchempfehlungen also eigentlich gar nicht so meins sind – weil sie immer etwas eitel wirken: Bei den „Erzählungen der Chassidim“ muss ich diese Sorge nicht haben. Dazu sagen mir diese Erzählungen viel zu oft, wo ich falsch abgebogen bin und mich ordentlich verlaufen habe. Und zwar auf unbeschwerte, leichte Weise ohne erhobenen Zeigefinger. Wenn also auch Sie einmal Sinn tanken wollen: Martin Buber hätte da was …
Und ob Sie Zeit und Lust für die Lektüre haben – oder auch nicht: Kommen Sie gut durch den Tag! Ihr Diakon Claudius Rosenthal aus Altenwenden.
[1] https://www.penguin.de/buecher/martin-buber-die-erzaehlungen-der-chassidim/buch/9783717523680
