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Kirche in WDR 3 | 15.08.2026 | 07:50 Uhr
Mit Leib und Seele
Am Morgen, wenn der Tag noch nicht entschieden ist, gehen einem ja manchmal merkwürdige Gedanken durch den Kopf. Oder ein Bild; manchmal ist es auch ein Datum. Heute Morgen zum Beispiel fällt mir sofort ein: 15. August. Da ist doch Mariä Himmelfahrt.
Im Saarland und in vielen Gemeinden in Bayern ist heute sogar Feiertag. Was dieses »Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel« — so heißt es nämlich offiziell — eigentlich soll, das war mir, ehrlich gesagt, lange Zeit ziemlich egal. Reicht es nicht, dass schon Christus in den Himmel aufgefahren ist?
Manchmal ist es gut, mal genauer nachzuschauen: Der Glaube der Menschen an eine Aufnahme Mariens in den Himmel ist nämlich nichts Neues, sondern längst mehr als tausend Jahre alt. Erst 1950 aber — der Zweite Weltkrieg ist gerad mal fünf Jahre her —, erklärt Papst Pius XII. diese alte Überzeugung für die katholische Kirche feierlich zum Glaubenssatz: „Die unbefleckte, immerwährend jungfräuliche Gottesmutter Maria wurde mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen.“ — Tja, da frag ich mich, ob es damals nicht wirklich wichtigere Dinge zu klären gab. Nachdem Menschen millionenfach ermordet, ihre Leiber und Seelen förmlich vernichtet worden waren — ein weiteres Marienfest?
Dass es ausgerechnet damals für die katholische Kirche mit einer verbindlichen Wahrheit versehen wird, kommt nicht von ungefähr. Es soll einen fatalen Entwicklungsweg korrigieren. Das neue Dogma macht die begangenen Verbrechen dadurch nicht ungeschehen und vertröstet die Opfer nicht auf irgendeinen Himmel. Mit dem Hinweis auf Maria wird ins Bewusstsein gehoben, dass sich das Menschliche allzu sehr auf meist männliche Formen von Herrschaft und Durchsetzung verengt hat. Maria erweitert die Möglichkeiten: Es gibt auch eine weibliche Seite von Autorität. Dafür steht sie: achtsam zu sein und zugleich selbst zu wissen, wann es gilt, Ja zu sagen oder Nein. Einer Welt zu widersprechen, die nicht Leben hervorbringt, sondern irgendwelchen Mächten einfach opfert.
Genau diese Erweiterung des Menschlichen hat auch der Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung im neuen Marien-Dogma erkannt. Mit seiner Psychologie arbeite ich seit vielen Jahren – in der Theologie und auch in der Seelsorge. Jung nennt direkt 1950 das Marien-Dogma „das wichtigste religiöse Ereignis seit der Reformation“. Für ihn gewinnt das Bild vom Menschen, ja, auch vom Himmel deutlich an Weite. Das Weibliche, das Leibliche, alles Irdische erfahre dadurch eine göttliche Aufwertung.
Der Himmel ist kein Ort über den Wolken. Und Himmelfahrt keine Beförderung für besondere Verdienste. Himmel heißt: Der ganze Mensch darf sich von Gott gesehen und bei ihm aufgehoben fühlen. Mit seiner Sehnsucht ebenso wie mit seinen Ängsten. Mit allem, was er hervorbringt und liebt, was ihm gelingt und woran er scheitert.
Darin steckt für mich die Kraft des heutigen Festes Mariä Himmelfahrt. Es adelt das Menschliche — ganz und gar, mit Leib und Seele.
Dass es auch Ihnen wohl ergehe an Leib und Seele, das wünsche ich Ihnen. Ludger Verst aus Köln
