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Sonntagskirche | 22.02.2026 | 08:55 Uhr
Schneeglöckchen
Na los, komm schon, bisschen Bewegung tut Dir gut. Mein innerer Schweinehund und ich streiten mal wieder. Er will mich überreden rauszugehen und unsere Spazierrunde um den See zu drehen. Wir wohnen hier wirklich schön. Der See ist keine 300m von der Haustüre entfernt und eine Runde drumherum sind so knapp drei Kilometer. Also entspannt machbar, aber: Ich habe keine Lust, gerade jetzt im Winter. Die Bäume sind nur kahle Gerippe, der Weg stellenweise matschig und diese nasse Kälte hier am Niederrhein. Brrr. Trotzdem hat der kleine Schweinehund ja recht. Also: Dicke Jacke an, Schal, Mütze, Reisverschluss gut hochziehen und los. Und dann merke ich es: Die Luft ist heute ein bißchen anders. Könnte es sein? Ich werde aufmerksam und bin mir plötzlich sicher: Heute finde ich eins.
Unter
meinen Schuhen knirscht der sandige Boden, ich schaue über den See und atme
tief durch. „Siehst Du, gar nicht so schlimm“, frohlockt der Schweinehund und
zähneknirschend gebe ich ihm Recht. Meine Schritte werden etwas leichter. „Aber
guck, die Bäume sind trotzdem hässlich kahl“, brummel ich. Auf halber Strecke
um den See, geht der Weg ein bißchen weg vom Ufer. Es geht an einer Wiese
vorbei, die um diese Jahreszeit immer unter Wasser steht. Oft hab ich schon
gedacht: Wenn das mit dem Klimawandel weitergeht, dann kann man hier irgendwann
Reis anbauen. Dann kommt die kleine Brücke. Jetzt muss ich gut hinschauen. Mein
Blick sucht die Uferböschung ab. Genau hier gegenüber vom alten Bauernhof sind
immer die ersten und ja, ich hatte Recht! Erst eins dann zwei und was weiter
sogar eine kleine Gruppe: Die ersten Schneeglöckchen! In meinem Kopf trällert Heintje den alten
Schlager: „Schneeglöckchen im Februar, Goldregen im Mai.“
Ich freue mich über die weißen Blumen wie ein
kleines Kind. Es sind die ersten Boten des Frühlings. Ja, ich weiß: es ist noch
ne Weile hin, aber dass er kommt, das zeigen mir die Schneeglöckchen.
Plötzlich fühlt sich der Winter etwas weniger schwer an und sogar die dunklen Gerippe der Bäume verderben meine Laune nicht direkt wieder. Auch die werden irgendwann wieder grün. Manchmal ist das auch in meinem Leben so: Ausharren, bis es wieder besser wird. Das sind die schwierigsten Momente, wenn ich weiß, dass ich gerade nichts tun kann, wenn es einfach darum geht eine schwierige Zeit auszuhalten, abzuwarten. Auch da muss ich mich daran erinnern, dass es ja oft nicht von einem auf den anderen Tag alles wieder gut ist. Auch in meinem Leben brauchen manche Dinge Zeit und verändern sich nur langsam. Ich ertappe mich dann auch dabei, wie ich kleine Veränderungen gern mal übersehe. Vor lauter Warten auf die große Veränderung, fallen mir die kleinen Erfolge auf dem Weg nicht auf und dabei sind die es, die mich durchhalten lassen: die kleinen Hoffnungsschimmer. Ich versuche einmal mehr meinen Blick zu schärfen, wachsam zu sein für die kleinen Zeichen, Gesten und Augenblicke, die mir zeigen: Kein Winter dauert ewig, auch wenn es sich auf dem Weg durch ihn hindurch so anfühlt.
