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Sonntagskirche | 01.11.2026 | 08:55 Uhr
Du bist heilig
Guten Morgen, liebe Heilige!
Ja, genau: Sie meine ich. Es ist der 1. November. Allerheiligen. Zeit, sich über die eigene Heiligkeit Gedanken zu machen. Vielleicht kommen Sie gerade aus einer langen gespenstischen Nacht, haben Halloween gefeiert, wortwörtlich den All Hallows´ Eve, den Abend vor Allerheiligen. Vielleicht haben Sie böse Geister verscheucht in dieser einen Nacht, in der die Tür zwischen den Welten der Toten und der Lebenden etwas weiter offensteht als in allen anderen Nächten. So glaubten es zumindest die Kelten.
Und man ahnt, dass es vor vielen Jahrhunderten sicher anders war als heute. Damals als die Nächte ohne Strom und Heizung lang, dunkel und kalt sind. Allenfalls Feuer und Fackelschein die dunklen Gassen etwas erhellen - aber dieses Licht niemals bis in die letzte unheimliche Nische reicht, in denen dunkle Gestalten in der Schwärze der Nacht scheinbar ihr Unwesen treiben.
Dunkle Nächte und dunkle Zeiten damals, in denen man sich manches Phänomen nur mit Phantasie erklären kann. In denen die Tür zum Reich der Toten nur einen Fiebertraum entfernt ist und in jedem Nebel die kalte Hand eines Geistes einem leise über die Wangen streicht.
Heute genießen und feiern wir den Spuk mit Spaß, lassen Kinder von Tür zu Tür laufen. Früher hätten wir gefürchtet, sie niemals wiederzusehen.
Ja, Angst ist ein mächtiger Motor allen Handelns. Angst zu erklären und zu besiegen drum der mächtigste Motor allen Fortschritts und auch des Glaubens. Und eine Angst eint uns fast alle, bewusst oder unbewusst: Die Angst vor dem Tod. Dem Tag, an dem uns alle Lichter ausgehen, und wir ein letztes Mal Luft holen bevor unser Atem für immer verstummt. Die Tür zum Reich der Toten ist näher, als wir es täglich wahrhaben wollen. Und mit jedem Tag unseres Lebens öffnet sich diese Tür einen Spalt weiter.
Und dann stellt sich die alles entscheidende Frage: Fällt eigentlich Licht durch diesen Spalt? Oder ist es dahinter dunkel?
Vor nichts fürchtete sich der Reformator Martin Luther mehr als vor der Dunkelheit hinter dieser Tür. Fiese Fratzen des Jüngsten Gerichts verfolgten ihn in bis in die Träume. Donnernde Gewitter drohten mit dem Zorn Gottes. Erleichterung brachte ihm erst die tiefe Erkenntnis des Evangeliums: Wir haben einen Gott der Gnade und nicht des Gerichts.
Man kann Martin Luthers Erkenntnis auch so übersetzen: Du bist heilig. Du bist heilig, denn Gott sieht Dich an als heiligen und geliebten Menschen. Der Gott aller Gnade will für Dich nicht Angst und Schrecken. Sondern Gutes. Wärme und Licht. In diesem Leben und in dem Leben, das hinter dem Tor des Todes auf Dich wartet. Der Tod trennt uns nicht von der Liebe Gottes. Nichts kann uns davon trennen, dass Licht durch den Spalt fällt, vor dem wir uns fürchten.
Und wo Gott nicht trennt, da brauchen wir es auch nicht zu tun. Darum feiern wir einfach alles an diesem Wochenende:
Den Spaß am Spuk, Reformationsfest und Allerheiligen. Denn in all dem ist Licht. Möge dieses Licht Ihnen heute scheinen, egal wo: auf Friedhöfen, in den letzten Kürbissen oder in Ihrer Wohnung. In jedem Licht scheint Gottes Botschaft: Du bist heilig. Hab keine Angst.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
