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Sonntagskirche | 07.06.2026 | 08:55 Uhr
Welterbetag
„Mama, der Felix hat mich im Kindergarten schon wieder geärgert!“ „Was hat er denn gemacht?“ „Er hat immer „Blödkopf“ zu mir gesagt und ganz fies gelacht! Und dann hat er mich auch noch geschubst!“„Und was hast Du dann gemacht?“ „Ich habe gesagt, dass er aufhören soll, aber das hat er nicht, auch nicht, als ich es der Kindergärtnerin gesagt habe.“ Solche und ähnliche Gespräche mit meinem Sohn bringen mich jedes Mal in eine Zwickmühle: auf der einen Seite möchte ich, dass mein Sohn lernt Konflikte auf friedliche Weise zu lösen. Auf der anderen Seite ruft eine ziemlich laute Stimme in mir: „Der Felix ist selber ein Riesenblödkopf! Sag ihm das mal! Und beim nächsten Mal schubs ihn einfach zurück.“
Es ist schon eine Krux: Da sind Werte wie Empathie, Mitgefühl und Freundlichkeit, die sind mir selbst im täglichen Miteinander wichtig. Als Christin möchte ich die natürlich meinem Sohn mitgeben. „Liebe deine Feinde“, z.B..
Aber in letzter Zeit frage ich mich immer häufiger, wie das, was ich ihm tagein tagaus versuche beizubringen, mit der Realität zusammenpasst. Und da geht es nicht nur um die Sandkasten-Streitereien in der Kita, da geht es ja auch um den großen Sandkasten namens Weltpolitik.
Wenn mein Sohn mitbekommt, dass oft gewinnt, der am lautesten schreit. Dass Kompromisse nichts wert sind, sondern nur das Recht des Stärkeren gilt. Dass die Sprache der Menschen immer aggressiver wird. Dass man sich nicht mehr entschuldigen muss, sondern die Schuld lieber bei den anderen sucht. Dass es normal ist, andere Menschen zu beleidigen, zu bedrohen, ihre Grenzen zu missachten.
Was wird er dann denken? Wie wird er reagieren?
Aber es geht hier nicht nur darum, wie mein Sohn sich entscheidet. Ja, ich gestehe: Auch ich frage mich immer häufiger, ob es sich noch lohnt an eigenen Prinzipien festzuhalten, wenn die Welt immer mehr einen anderen Kurs einschlägt. Was tun in diesen Zeiten? Welche stützende Konstante gibt es noch?
Heute ist der Unesco-Welterbetag. Und Sie können sich vielleicht fragen, was die Sandkastenprobleme meines Sohnes damit zu tun haben, z.B. mit den 55 Welterbestätten, die es mittlerweile in Deutschland gibt: vom Kölner Dom bis zum Holstentor in Lübeck. Nun: Heute geht es um die Substanz, die für die Weltgemeinschaft schützenswert ist. Und weil das diesjährige Motto des Welterbetags ist: „Gemeinsam für Frieden und Verständigung“, denke ich da nicht nur an Bauwerke. Da frage ich mich schon: Welche Werte gilt es unbedingt zu schützen – auch aus meinem Glauben? Was wollen wir den nachfolgenden Generationen mit auf den Weg geben? Was wollen wir bewahren? Was soll bleiben, wenn wir selbst mal nicht mehr sind?
Selten wurde uns diese Frage dringlicher gestellt als jetzt. Und selten war es wichtiger, eine Vorbildfunktion zu übernehmen – auch wenn sie unbequem ist. Im Kleinen, in Größerem – damit das, worauf wir dieses Land gebaut haben, mit unserer Generation nicht verschwindet. Hier geht es um unser Wertefundament. Und an dem lässt sich schon im Sandkasten der Kita bauen.
