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Isses Sünde, im Dorf zu bleiben?
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Kirche in WDR 4 | 30.06.2026 | 08:55 Uhr

Isses Sünde, im Dorf zu bleiben?

Isses Sünde, im Dorf zu bleiben? Muss man seine Heimat verlassen, um wirklich erwachsen zu werden? Weit wegziehen, die alten Bezüge kappen, sich in der Anonymität der Stadt völlig neu erfinden – für die persönliche Entwicklung scheint das fast schon eine Pflicht zu sein. Wer einfach bleibt, wo er aufgewachsen ist, erntet im Zeitalter der totalen Flexibilität schnell mal einen mitleidigen Blick. Zusammen mit meinen Freunden Christoph und Alex haben wir dieses ungeschriebene Gesetz hinterfragt.

Den Drang, das Vertraute zu verlassen, um zu sich selbst zu finden, hat tiefe Wurzeln. Schon Jesus hielt es nicht aus in seiner Heimat Nazareth. Seine Dorfgemeinschaft konnte mit seinen radikalen Ideen überhaupt nichts anfangen – am Ende jagten sie ihn sogar aus dem Ort.

Seine Heimat auf dem Land zu haben hat aber viele Gesichter. Da ist vielleicht eine
schmerzhafte Enge, soziale Kontrolle und eine oft erdrückende Folklore. Wer als Zugezogener keinen Stallgeruch mitbringt, bleibt oft ein Leben lang der Außenseiter. Mein Freund Alex erinnert sich an seine eigene Jugend auf dem Dorf und beschreibt diese dörfliche Dynamik, die eben nicht nur Idylle ist:

„In Krisensituationen und ich rede jetzt nicht nur von Todesfällen, ne aber wenn man jetzt ganz offenkundig wusste: Okay, da geht’s einer Person, einer Familie, einem Mitglied einer Familie nicht gut, dann wurde eher getuschelt und geredet, als tatsächlich mal geklingelt und gesagt: Kann ich mal was für dich tun?“

Ich selbst komme vom Dorf. Lebe heute in der Stadt, in Münster. Ich fänd es unfair, das Dorfleben nur als spießiges Gefängnis zu betrachten. Es bietet eine Form von ehrlicher Solidarität, die ich manchmal in der Anonymität von Münster schmerzlich vermisse – ein tiefes Füreinander-Einstehen, wenn man bereit ist, sich auf die Gemeinschaft einzulassen. Dem gegenüber steht die Stadt mit ihren Vorzügen: größere kulturelle und soziale Möglichkeiten, wobei Christoph zu Recht fragt:

„Man muss, glaube ich, sich mal ganz, ganz ehrlich hinterfragen, welche urbanen Strukturen man denn auch wirklich nutzt. Wie oft gehe ich denn ins Kino, das bei mir um die Ecke ist? Wie oft gehe ich denn in die Stadt einkaufen, die ganz nah ist?“

Am Ende ist das Bleiben oder Gehen keine Frage von Sünde. Die eigentliche Sünde wäre es, aus reiner Bequemlichkeit zu erstarren. Man kann die Welt bereisen und innerlich eng bleiben – und man kann im kleinsten Dorf leben und im Herzen die größte Weite besitzen.

Was sagen Sie? Muss man mindestens einmal für länger die Heimat verlassen, um bei sich selbst anzukommen oder ist das auch im Heimatdorf denkbar? Schreiben Sie mir! Sie finden mich auf www.kirche-im-wdr.de.

Hinweis: Den Podcast „Isses Sünde“ finden Sie hier: https://bistum-osnabrueck.de/podcast-isses-suende/

Die aktuelle Folge finden Sie u.a. bei Spotify: https://open.spotify.com/episode/7A7bcbDtHPCIFtrkIgvBWk

Und auch bei youtube: https://www.youtube.com/results?search_query=isses+s%C3%BCnde+im+dorf+zu+bleiben

Kontakt: urs@dasbodenpersonal.de


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