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Das Geistliche Wort | 08.03.2026 | 08:40 Uhr
Brot und Rosen - Weltfrauentag
Aus rechtlichen Gründen enthält das Audio nicht die im Manuskript genannte Musik.
Autorin: Es ist zwanzig vor neun - und ich habe schon vier Glückwünsche erhalten, zwei per WhatsApp und zwei per Mail. Nein, ich habe heute nicht Geburtstag und feiere auch kein Jubiläum. „Alles Liebe zum Internationalen Frauentag", lese ich und: „Happy women's day". Heute ist Weltfrauentag. Heute geht es um die Rechte der Frauen in einer vielerorts immer noch von Männern dominierten Welt. Für viele Frauen ist der 8. März ein wichtiges Datum im Jahr. Mit Aktionen, Demonstrationen, Protesten, Feier und Kampfgeist. Weltweit.
Ich bin dankbar für die Glückwünsche, weil sie mich sensibilisieren für ein Thema, das mir im
Laufe des Jahres leicht aus dem Blickfeld zu geraten droht. Ich selbst bin privilegiert: Ich konnte studieren, frei meinen Beruf als Pfarrerin wählen und ausüben und werde - auch jetzt im Ruhestand - genauso bezahlt wie meine männlichen Kollegen. Das war nicht immer so in der Evangelischen Kirche. Noch vor 50 Jahren war es Theologinnen nicht möglich, ein
Gemeindepfarramt zu übernehmen. Auch durften Ehefrauen von Pfarrern nicht berufstätig
sein, sie sollten sich ganz in den Dienst der Gemeinde stellen, ehrenamtlich und unbezahlt.
Das ist glücklicherweise Schnee von gestern. Doch in anderen Berufen, anderen Ländern,
anderen Religionen sieht es anders aus. Dem möchte ich heute nachgehen. Meine Gesprächspartnerinnen sind: Julia Klewin, zweite Bürgermeisterin der Stadt Essen und Lehrerin an einer Gesamtschule, die Familienanwältin Irene Wollenberg und Roswitha Paas, beruflich und privat in der katholischen Kirche engagiert.
Musik 1: Bread and roses (instrumental)
Interpret: John Denver; Album: The John Denver Collection, Vol 3: Rocky Mountain High; Label: Windstar Records; LC: 06137
O-Ton
Wollenberg:
Ich finde den Internationalen Frauentag wichtig, weil er zumindest ja eine
Signalfunktion
hat. Er sorgt dafür, dass man aufmerksam gemacht wird auf die Situation der Frauen, die
immer noch nicht eine gleichberechtigte Situation ist. Und ich hoffe, dass er mehr hat als nur eine Alibi-Funktion, so nach dem Motto, wie am Muttertag, ne, heute ehren wir mal die Frauen und morgen machen wir dann weiter wie bisher und es ändert sich nichts.
Autorin: Sagt die Familienanwältin Irene Wollenberg. Sie sieht Frauen in Deutschland in ihren Chancen benachteiligt. Frauen verdienen durchschnittlich weniger als Männer, auch weil sie mehr Zeit aufwenden für Kindererziehung, Haushalt und Pflege von Angehörigen. Sie sind seltener in Führungspositionen und politischen Ämtern zu finden und häufiger von Altersarmut betroffen. Die Zahlen des Bundesfamilienministeriums und des Statistischen Bundesamtes geben ihr recht:
Sprecher:
- Frauen haben im Jahr 2024 in Deutschland durchschnittlich 16 Prozent weniger verdient
als Männer.
- Frauen wenden pro Tag im Durchschnitt über 52 Prozent mehr Zeit für unbezahlte
Sorgearbeit wie Kindererziehung, die Pflege von Angehörigen, Hausarbeit oder ein
Ehrenamt auf als Männer.
- Im Jahr 2024 galten in Deutschland 21,6 Prozent der Seniorinnen ab 65 Jahren als armutsgefährdet. Bei Männern desselben Alters lag die Zahl bei 17,1 Prozent.
- Im Deutschen Bundestag sind gegenwärtig 35 Prozent der Abgeordneten Frauen.
Autorin: Die Zahlen machen mich nachdenklich. Gleichzeitig ist mir bewusst, wieviel sich in den letzten Jahrzehnten schon verändert hat. Unsere Mütter und Großmütter hatten es deutlich schwerer als wir Frauen heute. Bis in die 1970er Jahre mussten sie ihren Ehemann um Erlaubnis bitten, wenn sie ein eigenes Konto eröffnen, den Führerschein machen oder
berufstätig sein wollten. Sie wurden moralisch verurteilt, wenn sie sich scheiden ließen, ein
Kind alleine großzogen, außerehelich schwanger wurden oder noch schlimmer: eine
Abtreibung vornahmen. Es ist heute schwer nachzuempfinden, unter welchem Druck und in
welcher Abhängigkeit unsere Mütter und Großmütter gelebt haben. Manche haben es klaglos akzeptiert, andere darunter gelitten. Heute sind die Rahmenbedingungen für Frauen ganz andere. Irene Wollenberg berichtet über Veränderungen aus ihrer Biographie:
O-Ton Wollenberg
Es hat sich auf jeden Fall geändert, dass mehr Frauen in Berufen tätig sind, die früher als
sogenannte Männerberufe galten. Ich bin Juristin, als ich studiert habe, waren Frauen da
deutlich in der Minderheit. Jetzt gibt es, ich glaube, fast mehr Frauen als Männer jedenfalls
in der Justiz. Ich bin im Bereich Familienrecht tätig und da gibt es deutlich mehr
Anwältinnen für Familienrecht und auch deutlich mehr Familienrichterinnen als Richter
und das ist sicherlich eine Veränderung.
Autorin: Seinen Ursprung hat der Weltfrauentag in der Arbeiterinnenbewegung des frühen 20. Jahrhunderts. 1908 gehen Textilarbeiterinnen in New York erstmals auf die Straße, um für bessere Arbeitsbedingungen einzutreten. Inspiriert von diesen Protesten schlägt die deutsche Sozialistin Clara Zetkin vor, einen internationalen Frauentag einzuführen. Bereits 1911 wird ein solcher Tag erstmals in mehreren Ländern begangen, auch in Deutschland. Schwerpunkt ist damals der Kampf für das Frauenwahlrecht, für bessere Arbeitsbedingungen und Gleichberechtigung. Ihr Slogan wird ein Lied, das von Amerika über den großen Teich gelangt: Bread and roses. Brot und Rosen.
Musik 2: Bread and roses
Interpretin: Judy Collins; Album: Bread and Roses; Label: Elektra Entertainment Group; LC: 08355
Sprecher (overvoice):
Wenn wir zusammen gehen, geht mit uns ein schöner Tag,
durch all die dunklen Küchen und wo grau ein Werkshof lag,
beginnt plötzlich die Sonne unsre arme Welt zu kosen,
und jeder hört uns singen: Brot und Rosen!
Wenn wir zusammen gehn, kommt mit uns ein bessrer Tag.
Die Menschen die sich wehren, wehren aller Menschen Plag.
Zu Ende sei, dass kleine Leute schuften für die Großen!
Her mit dem ganzen Leben: Brot und Rosen!
Autorin: „Her mit dem ganzen Leben", heißt es in einer Übertragung ins Deutsche von Peter Maiwald. Frauen wollen am Leben in gleicher Weise teilhaben wie Männer, mit allen Rechten und Pflichten, in Verantwortung und Selbstbestimmung. Sie
wollen gesehen, gefördert und respektiert werden, beruflich wie privat, politisch wie
religiös. Sie wollen nicht nur Brot, dh ihr materielles Auskommen, sie wollen auch
Rosen, dh. Zugang zu Bildung, Kunst, Kultur, einem Leben in Würde. Der Internationale
Frauentag hält diesen Anspruch wach. Aktuell wird er in der ganzen Welt begangen, in mehr
als 25 Ländern ist er gesetzlicher Feiertag. In Deutschland hat Berlin als erstes Bundesland
2019 den 8. März zum arbeitsfreien Feiertag erklärt. 2023 zog das Land Mecklenburg-
Vorpommern nach.
Unicef, Terre des hommes und andere Menschenrechtsorganisationen zeigen allerdings auf,
wie weit entfernt manche Frauen in Deutschland und weltweit von Gleichberechtigung,
Freiheit und Selbstbestimmung immer noch sind:
Sprecher:
- Jede dritte Frau in Deutschland wird in ihrem Leben Opfer physischer oder sexualisierter
Gewalt.
- Nach Schätzungen von UN WOMEN sind weltweit mindestens 200 Millionen Mädchen
und Frauen von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen. In Deutschland sind es rund
75.000, wobei die Dunkelziffer wesentlich höher liegen dürfte.
- 34 Millionen Mädchen im Grundschulalter gehen weltweit nicht zur Schule, im Vergleich
zu 29 Millionen Jungen.
- Schätzungsweise 650 Millionen Mädchen weltweit wurden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet.
Autorin: Zu nennen sind auch die Millionen Mädchen und Frauen weltweit, die von fundamentalistischen, frauenfeindlichen Regierungen diskriminiert werden. Sie dürfen nur wenige Jahre die Schule besuchen, nicht studieren, nicht arbeiten. Sie können sich nur in männlicher Begleitung öffentlich zeigen, durch ihre Kleidung anonymisiert und unsichtbar gemacht. Doch nicht alle Frauen lassen sich wegsperren und mundtot machen. Manche protestieren mutig, zeigen sich, melden sich zu Wort, teils aus dem Exil, oft unter Einsatz des eigenen Lebens. 2023 entstand in Afghanistan der Dokumentarfilm „Bread and roses", Brot und Rosen. Darin filmen und dokumentieren afghanische Frauen ihren mutigen Kampf für das Recht auf Bildung, Arbeit und Freiheit, das ihnen mit der Machtübernahme der Taliban 2021 über Nacht genommen wurde. Der Film zeigt in aufwühlenden Bildern, wie Frauen in extremistischen Regimen unterdrückt und ihrer Grundrechte beraubt werden. Wer protestiert, muss mit Verhaftung, Folter und Ermordung rechnen. Am Film mitgewirkt hat die Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai aus Pakistan. Sie erhielt vor 11 Jahren als 17jährige diese große Auszeichnung für ihren Kampf für das Recht auf Bildung für alle Mädchen und Frauen. Selbst Opfer eines Attentats, lebt sie heute im Ausland, sie hat ein Studium abgeschlossen, ist verheiratet und engagiert sich weiter für Frauen- und Kinderrechte. Ihre Botschaft ist so kurz wie klar: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern."
Musik 3: Talkin' Bout a Revolution
Text/Komposition: Tracy Chapman; Album: Tracy Chapman; Label: Elektra (Warner); LC: 00192
Autorin: Bildung als Schlüssel zu Gleichberechtigung und Selbstbestimmung. Julia Klewin ist
ehrenamtlich zweite Bürgermeisterin in Essen und im Hauptberuf Lehrerin. Sie beobachtet in ihrem schulischen Alltag zwei Entwicklungen:
O-Ton Klewin:
auf der einen Seite schon eine Form des gesellschaftlichen Rolebacks, also dass sich junge Menschen eher an traditionellen Rollenbildern orientieren. Also Mädchen wünschen sich eher mal Hausfrau und Mutter zu sein, einen Mann zu finden, der für das Haushaltseinkommen sorgt. Und die Jungs möchten dann auch gerne eine Frau finden, die für sie kocht und den Haushalt schmeißt. Auf der anderen Seite erlebe ich aber auch, dass Schülerinnen, die aus eher patriarchalen Familien kommen, Bildung als absolute Chance nutzen, um aus diesen Rollenmustern auszubrechen, weil sie wissen: über Bildung, über ein Abitur, über ein Studium haben sie bessere Möglichkeiten, vor allem auch um finanziell unabhängig zu sein...
Autorin: Im Blick auf den Weltfrauentag ergänzt sie:
O-Ton Klewin:
Für mich ganz persönlich spielt der 8. März aber auch eine besondere Rolle, weil ich am 8.
März letzten Jahres meine Kandidatur als Oberbürgermeisterin bekannt gegeben habe.
Das habe ich bewusst über Instagram gemacht und auch natürlich bewusst am 8. März,
weil ich zeigen wollte: Der heutige Tag ist auch dafür da, damit Frauen sich in die erste
Reihe begeben.
Autorin: Mit dem Amt der Oberbürgermeisterin hat es bei der Kommunalwahl im letzten Jahr nicht geklappt, doch als eine der beiden Bürgermeisterinnen der Stadt Essen hat Julia
Klewin heute eine wichtige Stimme und steht mit anderen in der ersten Reihe der Stadt.
Ganz anders erlebt Roswitha Paas Frauengerechtigkeit und Frauenrechte. Sie hat ihr
Berufsleben lang in der katholischen Kirche gearbeitet, als Erzieherin, als Sozialarbeiterin, in
verschiedenen Kirchengemeinden, bei der Caritas. Sie hat ihren Platz gefunden in einer
Kirche, die Frauen seit Jahrhunderten benachteiligt. Frauen haben in der katholischen Kirche
keinen Zugang zu den sog. Weiheämtern; sie dürfen zwar Theologie studieren, aber nicht zur
Diakonin oder Priesterin geweiht werden. Deshalb können sie die Sakramente nicht eigenverantwortlich verwalten, etwa die Eucharistiefeier leiten, Paare trauen, Kranke salben. Das alles bleibt Männern vorbehalten, da nur sie nach katholischer Lehre in der Nachfolge Jesu stehen und die Weihe empfangen können. Roswitha Paas hat dazu ihre eigene Meinung:
O-Ton Paas:
Ich habe selbst eigentlich mein ganzes Leben in der Kirche gearbeitet und habe an vielen
Stellen gemerkt: In dem Moment, wo ich authentisch und echt bin, konnte ich eigentlich
alles machen. Und hab dadurch an ganz vielen Stellen erlebt, dass Dinge möglich sind - auch in Gottesdiensten, miteinander zu feiern, Segen zu spenden, Menschen auch zu begleiten an Wendepunkten in ihrem Leben und - ich hab das einfach gemacht. Und ich glaube, wir müssen einfach mutiger sein, wir Frauen in der Kirche: dass wir nicht immer drauf warten, dass von oben Entscheidungen getroffen werden, sondern dass wir hingehen und die Dinge tun, die uns wichtig sind, unsere eigene Spiritualität einbringen, unser Wissen und unsere Lebenserfahrung.
Autorin: Hingehen und die Dinge tun, die uns wichtig sind und nicht warten, bis verhärtete Strukturen sich ändern. Das ist auch eine Form von Protest und ein selbstbewusstes Nutzen der Chancen, die da sind. Roswitha Paas erhofft sich für ihre Kirche auf lange Sicht aber mehr:
O-Ton Paas:
Trotzdem ist bei vielen die Sehnsucht da, auch Frauen zu den Weiheämtern zuzulassen -
und ich finde, die muss ernst genommen werden zum einen und zum anderen finde ich,
wenn man da auch von Seiten der katholischen Kirche nochmal offener sich zeigen würde,
könnte das durchaus auch nochmal ein Signal an die Welt sein, dass Frauen in der
katholischen Kirche gleichberechtigt sind und das nochmal ausstrahlen kann auf andere
Glaubensgemeinschaften, auf andere Kreise, auf andere Länder, wo Frauen sehr stark
unterdrückt werden und wo dieses Zeichen nochmal deutlich machen könnte: Frauen und
Männer sind gleichgestellt.
Autorin: Frauen und Männer sind gleichberechtigt. So sagt es nicht nur unser Grundgesetz in großer Klarheit, so sagt es auch unser christliches Menschenbild, an dem wir uns in den Kirchen orientieren. Jeder Mensch ist unabhängig seines Geschlechtes ein Ebenbild Gottes. Darin liegt sein Wert und seine Würde. Die Benachteiligung oder gar Entrechtung der Hälfte der Menschheit ist deshalb unchristlich. Und ein Unrecht.
Soll man auch einen Internationalen Männertag einführen? Ich meine: ja. Ein Tag, an dem Männer kritisch auf sich und ihre Rolle in der Gesellschaft blicken und sich aktiv für Veränderungen einsetzen. Bis es soweit ist, hilft neben allen wichtigen Protesten und Demonstrationen am Weltfrauentag manchmal schon der kleine tägliche Perspektivwechsel, wie Bürgermeisterin Julia Klewin feststellt:
O-Ton Klewin 3
Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit dem Prinzip des Mikrofeminismus, was ich ganz
charmant finde als Idee, um Gleichstellung und feministische Themen in unseren Alltag zu
bringen. Das bedeutet, wenn zum Beispiel mein Gesprächspartner oder meine
Gesprächspartnerin von einer Führungsperson spricht, dass ich dann automatisch davon
ausgehe, dass es eine Frau ist. Also ich frage dann: ja kommst du gut mit deiner Chefin klar
oder fühlst du dich bei der Oberärztin gut aufgehoben? .... Oder in der Schule würde ich
auch niemals in die Klasse fragen: Ich muss mal ein paar Tische rücken. Ich brauche mal ein
paar starke Jungs, sondern einfach starke Personen. Also um im Alltag so Rollenmuster
aufzubrechen.
Autorin: Brot und Rosen - das ganze Leben für alle Frauen. Und auch für alle Männer und alle anderen Geschlechter. Der Internationale Frauentag hält diesen Traum wach. Er ruft uns alle auf, an der Verwirklichung dieses Traums mitzuarbeiten.
Es grüßt Sie aus Essen Hanna Mausehund.
Musik 4: Lotta Love
Text/Komposition: Neil Young; Interpretin: Courtney Barnett; Album: Lotta Love – Single; Label: Cinema Music Group under exclusive license to Killphonic Records; LC: 99356
Redaktion: Pfarrer Dr. Titus Reinmuth
